Wednesday, 12 December 2007

Kolumbien: Entführte als Spielball der Politik – eine Tragödie ohne Ende

ask – Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien: Kolumbien - Monatsbericht Dezember 2007 No. 12 / 2007


Entführte als Spielball der Politik – eine Tragödie ohne Ende

Von Bruno Rütsche

Seit Jahren zieht sich das unmenschliche Seilziehen zwischen der FARC Guerilla und der Regierung um die Freilassung von Entführten im Austausch gegen gefangene Guerilleros hin. Die FARC hält mehrere bekannte Persönlichkeiten – unter ihnen die ehemalige Präsidentschaftskandidatin und kolumbianisch-französische Doppelbürgerin Ingrid Betancourt – aber auch Hunderte weiterer Zivilpersonen und gefangen genommene Militär- und Polizeiangehörige in ihrer Gewalt. Hoffnung keimte auf, als Präsident Uribe im August 2007 die oppositionelle Senatorin Piedad Córdoba und den venezolanischen Präsidenten Chávez ermächtigte, eine Vermittlungsrolle zur Aushandlung eines humanitären Austausches zu übernehmen. Doch Uribe setzte diesen Bemühungen am 21. November [2007] ein abruptes Ende und erklärte sie für gescheitert.

Entführung – ein Drama ohne Ende
Kolumbien ist das Land mit der weltweit höchsten Zahl an Entführungsopfern. Zwischen 1996 und 2007 sind nach Angaben der Stiftung País Libre[*)] 23'602 Personen entführt worden. Dabei wird die FARC-Guerilla für 6758 (29%) aller Entführungen, die ELN-Guerilla für 5375 (23%) Entführungen und „Unbekannte Täter“ für 5145 (22%) Entführungen verantwortlich gemacht. Paramilitärische Gruppen sind für 1165 (5%) Entführungen verantwortlich.1)

Die Entführung wird von der Guerilla als Teil ihrer Kriegsstrategie eingesetzt. Sie spricht denn auch beschönigend von „Zurückbehaltung“. Dabei ist die Entführung eine schwere Verletzung des Humanitären Völkerrechts, da im Krieg geschützte Zivilpersonen davon betroffen sind. Die Entführung ist ein schwerwiegendes Delikt, das gegen die Grundrechte der Freiheit, der Bewegungsfreiheit und der Selbstbestimmung verstösst. Nebst der räumlichen und zeitlichen Freiheitsberaubung bedeutet die Entführung die Versachlichung der Person in Verkennung ihrer Würde. Die Entführten werden zu einer wirtschaftlichen und/oder politischen Handelsware. Sie sind nicht nur Todesdrohungen, Ungewissheit, körperlichen und psychischen Strapazen, unmenschlicher Behandlung und Folter ausgesetzt, sondern ihre menschliche Würde und ihre Identität werden verleugnet. Sie werden nicht als Subjekte behandelt, sondern „versachlicht“ oder „verdinglicht“ und als Objekte und menschliche Ware gehandelt.

Mit der Entführung beginnt für die Opfer und deren Familienangehörigen ein Drama ohne Ende, bei dem sie zum Spielball der Interessen der Entführer werden. Völlig ausgeliefert der Willkür der Bewaffneten, hin und her gerissen zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zu Tatenlosigkeit verdammt wird ihr Dasein zu einem „lebenden Tod“ – muerta en vida, wie Ingrid Betancourt in ihrem jüngsten erschütternden Brief an ihre Mutter schreibt.2)

Die Vermittlungsbemühungen von Piedad Cordoba und Hugo Chávez
Seit Jahren wird insistent von zivilgesellschaftlichen Organisationen ein humanitäres Abkommen zwischen Regierung und der FARC-Guerilla zur Freilassung der Entführten und Kriegsgefangenen3) gefordert. Zahlreiche Vermittlungs- und Annäherungsbemühungen, bei denen u.a. auch die Schweiz ihre guten Dienste angeboten hatte und in der Vermittlung aktiv war, sind bisher gescheitert. Dabei ging es hauptsächlich um den Austausch von 45 politischen Entführten gegen rund 500 inhaftierte FARC-Guerilleros. Die FARC machte die Aushandlung eines humanitären Austausches von der Entmilitarisierung eines Gebietes, von der bedingungslosen Freilassung der inhaftierten Guerilleros und der Freilassung von zwei an die USA ausgelieferten Guerilleros abhängig. Die Regierung Uribe lehnte kategorisch die Entmilitarisierung eines Gebietes ab und machte die Freilassung inhaftierter Guerilleros davon abhängig, dass diese nicht mehr in den bewaffneten Kampf zurück kehren.

Als Ende Juni 2007 bekannt wird, dass elf von der FARC entführte Abgeordnete des Departements Valle del Cauca unter unklaren Umständen bereits am 18. Juni 07 getötet worden waren, ging ein Aufschrei durch Kolumbien und die internationale Gemeinschaft.4) Der Druck auf Uribe, endlich Schritte zu einem humanitären Abkommen zu machen, wurde grösser.
Der Marsch des Lehrers Moncayo über 1'000 km quer durch Kolumbien vor den Präsidentenpalast löste eine Solidaritätswelle mit den Entführten und ihren Familienangehörigen aus. Moncayos Sohn Pablo Emilio fiel als Soldat in die Hände der FARC und ist seit dem 21. Dezember 1997 in ihrer Gefangenschaft. Präsident Uribe stellte sich schliesslich öffentlich einem Gespräch mit Moncayo, welches aber in einem Eklat für den Präsidenten endete: Moncayo hörte sich die Hetztirade Uribes gar nicht fertig an, sondern verschwand von diesem unbemerkt. Die Zuhörenden reagierten mit Pfiffen auf den tobenden Uribe.
Jetzt handelte Uribe. Er setzte am 15. August [2007] die oppositionelle Politikerin und scharfe Gegnerin Uribes, Senatorin Piedad Córdoba, als Vermittlerin ein mit dem Ziel, ein humanitäres Abkommen zu erreichen. Der venezolanische Präsident Chávez, der bereits anfangs August 07 seine Vermittlung angeboten hatte, wurde von Piedad Cordoba kontaktiert und willigte schliesslich in eine aktive Vermittlungstätigkeit ein.

Hoffnung auf das politische Schwergewicht Chávez
Mit der Vermittlungstätigkeit von Piedad Cordoba und Chávez änderte sich das Szenario. Hoffnung kam auf. Für die FARC war Chávez keine Grösse, die sie verkennen konnten. Sein Projekt einer bolivarianischen Revolution hat bei der FARC Sympathien und begrüsst wird auch seine kritische Haltung gegenüber den USA. Für die FARC war jetzt eine einmalige Chance da, durch die Vermittlungstätigkeit von Chávez wieder auf die politische Bühne zurück zu kehren und an politischem Profil zu gewinnen. Dies setzte die FARC aber auch unter Druck: Sie mussten gegenüber von Chávez zu Konzessionen bereit sein und Verhandlungsbereitschaft zeigen. Sollte auch Chávez nichts erreichen und zum Schluss kommen, dass sich die FARC völlig unnachgiebig verhält, dann wären die FARC wohl endgültig auf dem politischen Parkett gescheitert. International wäre dann wohl noch weniger Opposition gegen eine „militärische Lösung“ da, wie sie von Uribe angestrengt und von der US-Regierung unterstützt wird. Die FARC musste Ernsthaftigkeit beweisen. Ein Aussteigen ihrerseits aus den Verhandlungen wäre mit enormen politischen Kosten verbunden gewesen. Chávez seinerseits durfte nicht scheitern, weil sonst sein aussenpolitisches Image Schaden leiden würde. Chávez als erfolgreicher Vermittler im chronischen Konflikt Kolumbiens – das wäre eine gute Visitenkarte auf internationaler Ebene.
Dann aber schien auch Uribe mit der Ernennung von Chávez zum Vermittler seine partikulären Interessen zu verfolgen. Als Präsident des Andenbündnisses CAN wollte Uribe die Rückkehr des wirtschaftlich wichtigen Venezuela in das Bündnis erreichen. Zudem standen mehrere wirtschaftliche Zusammenarbeitsverträge zwischen den beiden Nachbarländern zur Diskussion. Tatsächlich kam es zu Treffen zwischen den beiden Präsidenten und die gegenseitigen Beziehungen erlebten einen Höhenflug. Zudem lenkte diese politische Initiative Uribes vom Schlamassel der Parapolitik ab, in das er zutiefst verstrickt ist.

Die Vermittlung durch Chávez schien Garantie zu sein, dass sich beide Seiten – Regierung wie FARC – bewegen mussten.

Bewegung in den festgefahrenen Fronten
Piedad Córdoba entfaltete eine pausenlose Vermittlungstätigkeit gegenüber der FARC, Chávez, den USA – wo sie sich mit den beiden inhaftierten FARC-Mitgliedern, Regierungs-, Justiz- und Kongressabgeordneten traf - , Vertretern der Europäischen Union und lateinamerikanischen Regierungsvertretern. Sie traf sich aber auch wiederholt mit Familienangehörigen von Entführten und Gefangenen. Sie scheute auch nicht die beschwerliche Reise in den Dschungel, wo sie sich mit dem FARC-Führer Raul Reyes traf.5)

Chávez empfing im Regierungspalast den FARC-Führer Iván Márquez. Dies war auf der symbolischen Ebene ein Grosserfolg für die FARC. Sie waren auf die politische Bühne zurückgekehrt. Genau dies gab Anlass zu berechtigten Hoffnungen: Es würde für die FARC mit enormen politischen Kosten und vielleicht mit der endgültigen Ächtung durch die internationale Gemeinschaft verbunden sein, würde sie aus den Verhandlungen ausscheren.

Zahlreiche Staatschefs äusserten ihre Unterstützung gegenüber der Vermittlungstätigkeit von Chávez. Selbst in Bezug auf die mögliche Freilassung der beiden in den USA inhaftierten Guerilleros schien sich eine Lösung abzuzeichnen. Die FARC schienen von ihrer Forderung nach einem entmilitarisierten Gebiet abzurücken und ihre Verhandlungspositionen zu flexibilisieren.

Das abrupte Ende einer grossen Hoffnung
Je konkreter die Ergebnisse wurden, desto grösser auch die Feindschaft verschiedener Kreise. Als Hauptfeind einer von Chávez vermittelten Lösung ist sicher US-Präsident Bush zu nennen, wie auch der US-Botschafter in Kolumbien. Auch innerhalb der kolumbianischen Regierung und der Armee war der Widerstand gegen ein mögliches Abkommen gross. Kriegsinteressen scheinen hier eine grosse Rolle gespielt zu haben. Ein Verhandlungserfolg von Chávez muss für Bush ein Albtraum gewesen sein.
Am 19. November [2007] trafen sich Chávez und der französische Präsident Sarkozy in Paris. Chávez konnte nicht wie erwartet Überlebenszeichen der Entführten an diesem Treffen vorlegen. Gleichen Tags wird von der kolumbianischen Regierung eine Frist bis 31. Dezember 07 für einen erfolgreiche Vermittlungstätigkeit gesetzt.6) Zwei Tage später, am 21. November erklärt Präsident Uribe die Verhandlungen für gescheitert und entzieht mit sofortiger Wirkung aus fadenscheinigem Grund Senatorin Piedad Cordoba und dem venezolanischen Präsidenten Chávez das Vermittlungsmandat. Eine Hoffnung mehr ist zu einem Scherbenhaufen geworden.

Eine kritische Einschätzung

1. Uribe will und braucht den Krieg
Uribe hat kein Interesse an einer Verhandlungslösung des internen bewaffneten Konfliktes. Seine ganze Politik baut auf dem Krieg auf. Auch seine „Strategie der internationalen Zusammenarbeit zur Stärkung der Demokratie und der sozialen Entwicklung“, welche er an der 3. Internationalen Konferenz in Bogotá präsentiert hat, fokussiert auf einer Zusammenarbeit für den Krieg, zivil-militärischer Zusammenarbeit und der Unterordnung ziviler Strukturen in das militärische Aufstandsbekämpfungskonzept.7) Uribe braucht die FARC als Feindbild, denn seine ganze Politik baut auf der vermeintlichen terroristischen Bedrohung und der Polarisierung zwischen Freund und Feind auf.
Es ist möglich, dass Uribe seine prominente Kritikerin Piedad Cordoba und seinen wichtigsten politischen Gegner auf lateinamerikanischer Ebene, Hugo Chávez, ins Abseits stellen wollte und nie an einen möglichen Erfolg ihrer Verhandlungsbemühungen glaubte.

2. Die US-Regierung braucht den Krieg
Die Interessen der US-Regierung in Kolumbien – Erdöl, Bodenschätze, Wasser, Energiegewinnung, Biodiversität, etc. – sind enorm. Uribe treuer und bedingungsloser Alliierter von Bush in seinem Kampf gegen den Terrorismus. Die Zusammenarbeit und die militärische Unterstützung Kolumbiens durch die USA bauen auf dem Feindbild der Terror- und Drogenbekämpfung auf. Verhandlungen mit der FARC müssten zu einer Revision dieser Politik führen. Damit würden – nach Meinung der Bush-Administration – US-Interessen in Kolumbien gefährdet. Zudem konnte ein Verhandlungserfolg von Chávez – und dies möglicherweise noch vor der Abstimmung über die neue Verfassung Venezuelas – unmöglich akzeptiert werden.

3. Die FARC muss die Verantwortung für die Entführungen und diesen schweren Verstoss gegen das humanitäre Völkerrecht übernehmen und dafür auch zur Verantwortung gezogen werden
Kein vermeintlich noch so nobles und ehrenwertes Ziel kann die unmenschliche, grausame und völkerrechtswidrige Entführung von Zivilpersonen rechtfertigen. Die FARC sind für diese Verbrechen verantwortlich und werden dafür auch zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Wer mit derartig grausamen Mitteln und mit der Verdinglichung von Menschen – indem er diese als Ware, Tauschpfand und Spielball zur Machtgewinnung einsetzt- den Aufbau einer menschlicheren, gerechteren und demokratischeren Gesellschaft erreichen will, macht sich gänzlich unglaubwürdig. Es ist an der Zeit, dass die FARC nicht nur der Praxis der Entführungen ein Ende setzt, sondern sofort und bedingungslos sämtliche Entführte freilässt.

Fazit: Die kolumbianische Regierung, die Bush-Administration und die FARC treiben mit dem Leben entführter Zivilpersonen ein grausames, verwerfliches, niederträchtiges Spiel. Sie setzen menschliches Leben willkürlich als Spielball ihrer Machtinteressen ein und spielen mit dem Leben und den Gefühlen von Entführten und Familienangehörigen.

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Fussnoten:
[*) Fundación País Libre: http://www.paislibre.org/]
1) Siehe Kolumbien-aktuell, No. 456, 30. Juli 2007, http://www.askonline.ch/kolumbien-aktuell.html
2) Der Brief beginnt: „Regnerischer Morgen – wie in meiner Seele - im Urwald Kolumbiens, Mittwoch, 24. Oktober 07, 8.34 Uhr.“ Im Brief an ihre Mutter schreibt sie u.a.: „Mama, ich bin müde, müde des Leidens. Ich habe versucht, stark zu sein. Doch diese fast sechs Jahre in Gefangenschaft haben mir gezeigt, dass ich nicht so widerständig, nicht so mutig, intelligent und stark bin, wie ich glaubte. (...) Mama, dies ist ein sehr harter Moment für mich. Sie verlangen von mir rasch ein Überlebenszeichen und ich bin hier und schreibe dir meine Seele auf dieses Papier. Mir geht es körperlich schlecht. Ich esse nicht mehr. Ich habe keinen Appetit. Die Haare fallen mir büschelweise aus. Ich habe keinerlei Lust zu nichts. Ich glaube, dass dies das einzig Gute ist: Keine Lust auf nichts zu haben. Denn hier im Urwald ist die einzige Antwort auf alles NEIN. Es ist daher besser, nichts zu wollen und wenigstens frei von Wünschen zu bleiben.“ http://www.semana.com/wf_InfoArticulo.aspx?idArt=108098
3) Die Guerilla – insbesondere die FARC – hält zahlreiche Soldaten und Polizisten und auch drei US-Amerikaner fest, welche in den Konflikt involviert waren und als Kriegsgefangene gelten. Die FARC verweigert aber auch diesen Gefangenen die [ihnen zustehenden] Rechte [...], so z.B. das Besuchsrecht durch das IKRK und würdige Haftbedingungen. Die Regierung spricht auch in diesem Fall von Entführten, da sie den bewaffneten internen Konflikt leugnet und die FARC als terroristische Bedrohung bezeichnet, nicht aber als Konfliktpartei anerkennt.
4) Nach der Bekanntgabe des Todes der elf Abgeordneten wurde selbst die Herausgabe der Leichen zu einem Machtspiel zwischen FARC und Regierung. Schliesslich konnte eine Kommission der OAS die Leichen auf Hinweis der FARC bergen.
5) Sie klagte später öffentlich an, dass das Lager, wo sie sich mit Raul Reyes getroffen hatte, danach von der Armee bombardiert worden war.
6) Angesichts des über 40 Jahre andauernden, chronifizierten Konfliktes in Kolumbien waren die in nur drei Monaten von Córdoba und Chávez erreichten Ergebnisse enorm. Ihnen eine derart kurze Zeitlimite zu setzen, zeigte klar auf, dass Uribe letztlich nicht an einer erfolgreichen Vermittlungstätigkeit interessiert war.
7) Cooperación para el control social y poblacional - El concepto de la cooperación civil-militar en el caso colombiano; Versión preliminar; Por: Bettina Reis, November 2007 [s. auch meinen Eintrag vom 27.11.07 unter http://ddhhencolomiba.blogspot.com, wo der ganze Text auf Spanisch zu finden ist.]


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Tuesday, 4 December 2007

Brot statt Treibstoff -- Buchhinweis

Meine Lieben

Es kann nicht oft genug gesagt werden: wir müssen die kommende Energieknappheit mit vielen verschiedenen Mitteln lösen. Am allerwichtigsten ist das Einsparen von unnütz verschwendeter Energie: zuviele Kähne, Laster, Flugzeuge und Autos fahren praktisch leer umher. Zuviele Häuser heizen die Aussenluft. Zuviel Nahrung wird wohl zubereitet, aber nicht gegessen. Zuviele Menschen essen viel zu viel, während andere hungern.
Einer der grössten Skandale unserer Zeit ist aber, dass Agrarprodukte für Autotanks statt Teller produziert werden:
Vom Getreide, das benötigt wird, um den 100 Liter-Tank eines Geländewagens zu füllen, kann sich ein Mensch ein Jahr lang ernähren!

Heute habe ich von www.regenwald.org folgende Nachricht erhalten:

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29. November 2007 -- http://www.net-tribune.de/article/291107-196.php

Evangelisches Hilfswerk gegen Bio-Treibstoffe [ich hätte lieber "Agro-Treibstoffe" gelesen]

Kassel - Das evangelische Hilfswerk «Brot für die Welt» hat vor wachsendem Hunger durch den zunehmenden Anbau von Energiepflanzen gewarnt. «Nahrungsmittel werden immer häufiger zur Sättigung des weltweiten Rohstoffhungers missbraucht», sagte die Direktorin des Hilfswerks, Cornelia Füllkrug-Weitzel, am Mittwoch bei der Vorstellung der diesjährigen Adventsaktion von «Brot für die Welt» in Kassel. Dies gefährde die Ernährung von Millionen Menschen.

Füllkrug-Weitzel sagte, nach Schätzungen von Experten werde die Zahl der Hungernden bis 2025 von derzeit 854 Millionen auf 1,2 Milliarden Menschen steigen, wenn weiterhin Nahrungsmittel als Treibstoffe eingesetzt werden: «In Indonesien, Kolumbien und Brasilien werden Regenwälder abgeholzt, um Platz für Palmöl- und Zuckerrohrplantagen zu schaffen.» Dies zeige deutlich, dass der Klimaschutz nur als Feigenblatt für das globale Wettrennen um Energie diene.

Dass Nachsehen hätten in dieser Situation oft die Kleinbauern, kritisierte die Direktorin. Sie müssten immer häufiger mit multinationalen Agro-Unternehmen um Land, Wasser und Märkte konkurrieren. Schutz und Förderung der bäuerlichen Landwirtschaft aber seien für die Ernährung der Menschheit unverzichtbar. «Brot für die Welt» unterstütze daher Kleinbauern in den Entwicklungsländern, damit diese durch nachhaltige und ökologische Landwirtschaft ihre Erträge steigern und neue Märkte erschließen könnten.

Die diesjährige Adventsaktion von «Brot für die Welt» steht unter dem Motto «Gottes Spielregeln für eine gerechte Welt». Die Aktion wird am kommenden Sonntag mit einem Gottesdienst in Marburg eröffnet.

HINWEIS AUF DAS BUCH

Volle Tanks - leere Teller. Der Preis für Agrotreibstoffe: Hunger, Vertreibung, Umweltzerstörung

Mit dem Getreide, das benötigt wird, um den 100 Liter-Tank eines Geländewagens zu füllen, kann ein Mensch ein Jahr ernährt werden.

Ob es ethisch zu rechtfertigen ist, Nahrungsmittel in Treibstoff umzuwandeln, ist eine der Fragen, die das Buch "Volle Tanks - leere Teller" aus der Reihe caritas international - brennpunkte aufwirft. Die von der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten forcierten "Agrotreibstoffe" haben in der Agrar-Branche Goldgräberstimmung aufkommen lassen.
Das gilt auch für die Dritte Welt, wo derzeit Plantagen gigantischen Ausmaßes entstehen. Die Konsequenzen sind verheerend: Verlust der Biodiversität, Anheizen des Weltklimas und Hunger. Die Buchautoren ergründen Ursachen und Wirkungen dieses Geschehens mit Analysen und Reportagen von den Brennpunkten.

Volle Tanks - leere Teller. Der Preis für Agrokraftstoffe: Hunger, Vertreibung, Umweltzerstörung
Wolfgang Hees, Oliver Müller, Matthias Schüth (Hrsg.)
caritas international - brennpunkte 2007, ca. 200 Seiten, mit vierfarbigen Abbildungen
EUR 25,00/SFr 43,90 ISBN 978-3-7841-1791-1
bei [...] http://www.lambertus.de
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Die Hervorhebungen im obigen Text sind von mir.

Thursday, 29 November 2007

Mit Vollgas in den Hunger – Brot statt Agrotreibstoffe, zum Zweiten

Meine Liebe, mein Lieber

Im Folgenden möchte ich Dir/Euch erklären, weshalb ich stolz darauf bin, zu ask! – Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien – zu gehören und an unserer am 21.11.07 lancierten Kampagne gegen Agrotreibstoffe mitzuwirken.

Mit ausdrücklicher Genehmigung des Verfassers stütze mich dabei ausgiebig auf einen Text von Bruno Rütsche, Fachstellenleiter Menschenrechte der ask!


„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ – „Jeder Mensch hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.“ – „Jeder Mensch hat das Recht auf ausreichende Ernährung, Bekleidung und Wohnung sowie auf Gesundheitsfürsorge und das Recht auf Bildung und Teilhabe am kulturellen Leben.“

Sicher kommen Ihnen diese Sätze bekannt vor. Sie sind Teil der Allgemeinen Menschenrechte, auf die alle Menschen, unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Sprache, Religion oder Nationalität Anspruch haben. Die Menschenrechte – 1948 nach dem Schrecken des 2. Weltkrieges proklamiert – sind heute so visionär wie damals. Denn uns allen ist klar, wie weit wir von der Utopie entfernt sind, dass alle Menschen gleich an Würde und Rechten sind. Utopien haben aber eine grosse Kraft. Sie sind wie Leitsterne, deutliche Ziele, die wir uns vor Augen halten und an die wir uns erinnern. Die Menschenrechte können nicht genug betont werden – denn sie machen klar, dass nationaler Egoismus, Rassismus, Diskriminierung aufgrund von Nationalitäten, Herkunft, Religion oder Geschlecht ein Verstoss gegen die unveräusserliche Würde und die Rechte eines jeden Menschen sind.

„Mit Vollgas in den Hunger – Brot statt Agrotreibstoffe“. So lautet der Slogan einer Kampagne, die die Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien ask – unterstützt von zahlreichen weiteren Organisationen – am 21. November 2007 gestartet hat. Was hat dies mit Menschenrechten zu tun? werden Sie sich fragen. Sehr viel. Doch lassen Sie mich erzählen:

Vom 15. bis 23. Februar 2007 fand im Nordwesten Kolumbiens eine „ökologische Pilgerreise“ zum Schutz der einheimischen Gemeinschaften statt. Afrokolumbianische und indigene Organisationen und die kirchliche Menschenrechtsorganisation Justicia y Paz – Gerechtigkeit und Friede – hatten dazu eingeladen. Auf dieser Pilgerreise befanden sich auch internationale Teilnehmer – darunter auch zwei Mitglieder der Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien ask.

Anlass der Pilgerreise bildete der 10. Jahrestag der Operation „Genesis“. Entgegen ihrem Namen hatte diese Militäroperation nichts mit Schöpfung zu tun, sehr viel aber mit Vernichtung und Mord.

Zahlreiche Zivilpersonen verloren bei der Bombardierung der Dörfer ihr Leben. Unter dem Vorwand des Kampfes gegen die aufständische Guerilla wurden über 20'000 Zivilpersonen – Kinder, Jugendliche, Frauen, Männer, Betagte – gewaltsam und brutal von ihrem Land vertrieben.

Nach der Vertreibung wurde deutlich, dass es die Armee nicht in erster Linie auf die Guerilla abgesehen hatte, sondern dass hinter der Vertreibung handfeste wirtschaftliche Interessen standen. Denn als die ursprüngliche Bevölkerung weg war, wurde ihr Land illegal in Besitz genommen. Tausende von Hektaren Regenwald wurden abgeholzt und riesige Flächen mit industriell angelegten Zuckerrohr- und Ölpalmplantagen bebaut. Wo früher kleinbäuerliche, der Umwelt angepasste Landwirtschaft inmitten des Regenwaldes betrieben wurde, dehnt sich jetzt eine endlose, monotone „grüne Wüste“ mit Ölpalmen in Reih und Glied aus. Bewaffnete paramilitärische Gruppen bewachen gemeinsam mit dem Militär die Plantagen.

Trotz des Landraubs und massiver Einschüchterungen kehrten einige Gemeinschaften wieder in die Region zurück und verlangten die Rückgabe ihres rechtmässigen Landes. Zum Schutz und zum Zeichen ihres friedlichen Widerstandes gegen den Krieg und die Zerstörungen der Agrounternehmen erklärten sie sich zu „humanitären Zonen“.

Die Pilgerreise wollte nicht nur an das Leiden erinnern, das die Militäraktion 1997 auslöste. Die Pilgerreise wollte vor allem auf die schwierige Situation der Gemeinden aufmerksam machen und ihren gewaltlosen Kampf um ihre Landrechte unterstützen.

Erste Station war nach einer langen und beschwerlichen Busfahrt die Familie Rentería. Sie war im April 2006 zurück gekehrt und versucht nun, dem Boden wieder Leben einzuhauchen. In einem symbolischen Akt pflanzten wir gemeinsam mit der Familie zehn verschiedene Nahrungspflanzen – für jedes Jahr der Vertreibung eine Pflanze.

Zweite Station war nach etwa einer Stunde Fussweg der Bauernhof von Enrique Petro. Enrique Petro weigert sich standhaft, sein Land zu verlassen – trotz des massiven Drucks der grossen Palmenanbaugesellschaft Urapalma, der Ermordung seines Sohnes und der Drohungen gegen sein Leben durch die paramilitärischen "Schwarzen Adler". Von seinen rund 130 Hektaren Land konnte er etwa 30 Hektaren vor der Bepflanzung mit Ölpalmen retten. Die kleinen Felder mit Bohnen, Yucca, Chili, Zuckerrohr, Bananen und vielen anderen Pflanzen für die tägliche Ernährung erscheinen wie eine Oase in der Eintönigkeit der Ölpalmplantagen.

Eine weitere Station war El Tesoro. Hier war Orlando Valencia, einer der Repräsentanten der Gemeinden dieser Region, im Oktober 2005 in Komplizenschaft mit der Polizei verschleppt und ermordet worden. In den Gedenkakt am Abend vermischte sich die traurige Erinnerung an vielfach erlittenes Leid und Unrecht mit der Freude und der Dankbarkeit der Bevölkerung von El Tesoro über unseren Besuch.

Was aber hat nun dies mit einer Kampagne mit dem Titel „Mit Vollgas in den Hunger – Brot statt Agrotreibstoffe“ zu tun?

Dieser Landraub ist nur ein Beispiel. In Kolumbien haben sich bewaffnete Gruppen mit der Unterstützung von Armee und staatlichen Sicherheitskräften und der Zustimmung von Politikern Millionen von Hektaren fruchtbares Land gewaltsam angeeignet. Darauf werden nicht mehr Nahrungsmittel für die Menschen angebaut, sondern für die Produktion von Treibstoffen. Menschen werden gewaltsam vertrieben. In Kolumbien sind rund 4 Mio. Menschen im eigenen Land zu Flüchtlingen geworden und haben alles verloren. Entrechtet, entwurzelt und entwürdigt leben sie in Elendsvierteln der Städte. Zum Verlust ihres Landes kommt die Zerstörung ihrer sozialen und kulturellen Identität und die permanente Angst vor weiterer Verfolgung. Traumatisiert, gemieden und stigmatisiert fristen sie ein Dasein unter aller Menschenwürde. Und dies unter anderem, weil ihr Land für den Anbau von Nahrungsmitteln verwendet wird, die nicht auf den Teller der Hungernden kommen, sondern in die Tanks der Fahrzeuge der Reichen. Brot stillt nicht mehr den Hunger. Brot treibt Autos an. Die Menschen hungern.

Auf mehreren Millionen Hektaren Land will die kolumbianische Regierung Ölpalmen anbauen. Die Ölfrucht wird dann zu Agrodiesel verarbeitet. Diese Politik hat grauenhafte Folgen: Vertreibung, Menschenrechtsverletzungen, Landraub, Abholzung, Zerstörung der Artenvielfalt, Hunger. Und ein gieriges Gesicht: Reichtum und Einkommen für Wenige. Die Folgen sind bereits spürbar: Panela, ein Grundnahrungsmittel der Armen aus Rohzucker, ist massiv teurer geworden, da immer mehr Zuckerrohr zu Treibstoff – Ethanol – verarbeitet wird. In Mexiko kam es zu grossen Protesten, da der Mais um ein Vielfaches teurer wurde. Denn die Verarbeitung zu Treibstoff bringt den Maisbauern in den USA mehr ein, als der Verkauf als Lebensmittel. Zur Herstellung einer Tankfüllung aus Mais braucht es die Menge, von der ein Mensch sich ein Jahr lang ernähren könnte. Hunger in Mexiko – volle Tanks in den USA.

Es gibt viele weitere Beispiele. In Indonesien und Malaysia werden Millionen von Hektaren unberührter Regenwald – eigentliche Lungen der Erde – abgebrannt, um Platz für den industriellen Anbau von Pflanzen zu schaffen, die nie auf einen Tisch gelangen und die nie den Hunger eines Menschen stillen werden. Sie werden in den Tanks der Autos landen... Dort wird das Ziel von Treibstoffen aus Agrarprodukten – nämlich die Reduktion der CO2-Emissionen – vollends auf den Kopf gestellt, denn das Abbrennen produziert ungeheure Mengen an CO2.

Unser tägliches Brot gib uns heute, beten wir im Unser Vater. Soll nun Brot Autos antreiben, während immer mehr Menschen hungern? Sollen fruchtbares Land und Regenwald in endlose Monokulturen genveränderter Pflanzen verwandelt werden, nur damit der Treibstoffhunger der Reichen befriedigt werden kann?

Brot ist ein Lebensmittel. Und Lebensmittel gehören auf den Tisch. Jesus lehrt uns auch vielfach, Brot zu teilen. Und im Abendmahl nimmt er Brot als Symbol seines Lebens, seiner Hingabe und seiner Aufopferung. Brot – Symbol für Nahrung und Leben schlechthin. Und jetzt sollen Weizen, Mais, Zuckerrohr, Ölpalmen, Yucca und viele andere Nahrungsmittel nicht mehr dem Menschen als Nahrung dienen, nicht mehr gemeinsam geteilt werden. Nein, jetzt sollen sie in Tanks verbrannt werden, damit Autos ein paar Kilometer zurück legen können.

Verstehen Sie jetzt, warum wir unserer Kampagne den Titel gegeben haben „Mit Vollgas in den Hunger – Brot statt Agrotreibstoffe“?

„Jeder Mensch hat Recht auf ausreichende Ernährung.“ So heisst es in der Erklärung der Menschenrechte. Diese Worte sind aktueller den je!

© Bruno Rütsche, leicht redigiert von Margret Powell-Joss


Mehr zum Thema Agrotreibstoffe findet sich auf http://www.agrotreibstoffe.ch

Thursday, 22 November 2007

Agrotreibstoffkampagne lanciert -- Lokalradio RaBe hat berichtet

Meine Lieben

Hier ist mein Transkript eines Radiointerviews mit Stephan Suhner, Fachstellenleiter der ask! – Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien, vom vergangenen Mittwoch Abend -- ich veröffentliche es hier mit Erlaubnis der Beteiligten:

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© Berner Lokalradio Radio RaBe und ask! Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien/MPJ, November 2007:

RaBe Abendinfo, 21. November 2007
zum Nachhören: http://www.rabe.ch/ -> Info

Kampagne gegen Biotreibstoffe lanciert [6:00 – 10:55]
Bericht und Interview: Cheyenne Mackay Loosli, Radiojournalistin RaBe

Biotreibstoffe werden eigentlich als die umweltfreundliche Alternative zu fossilen Treibstoffen, wie z.B. Öl und Benzin, angepriesen. Doch seit Längerem äussern sich auch kritische Stimmen. Biotreibstoffe seien keine wirkliche Alternative, sie verlagern nur das Problem. Heute wurde eine Kampagne gegen Biotreibstoffe gestartet.

[RaBe:] Die Kampagne gegen Agrotreibstoff, auch Biotreibstoff genannt, kommt von der Menschenrechts-Organisation Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien, kurz ask! Es spreche sehr viel dagegen, Biotreibstoffe einzusetzen. Stephan Suhner ist Fachstellenleiter bei der ask; er fasst zusammen:

[RaBe:] Die Kampagne gegen Agrotreibstoff, auch Biotreibstoff genannt, kommt von der Menschenrechts-Organisation Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien, kurz ask! Es spreche sehr viel dagegen, Biotreibstoffe einzusetzen. Stephan Suhner ist Fachstellenleiter bei der ask; er fasst zusammen:

[Suhner:] "Da ist eine fragwürdige Klima- und Umweltbilanz, da sind grosse Probleme mit der Ernährungssouveränität in vielen Gebieten der Welt. Es gibt Probleme mit Menschenrechtsverletzungen, Vertreibungen von Kleinbauern, Übernutzung der Böden, Wasserknappheit – man könnte Dutzende von Argumenten dagegen aufzählen."

[RaBe:] Im Moment werden Biotreibstoffe vor allem aus Nahrungsmitteln hergestellt. Dazu gehören Raps, Zuckerrüben, Soja, Zuckerrohr, Weizen oder Roggen.
[Suhner:] "Oder es sind Produkte, die sonst in der Nahrungskette entzogen werden und zum Teil auch zu Verdrängungen führen, wo dann halt wieder andere Produkte, die auch für die Ernährung gebraucht werden, auch knapper und teurer werden. Es ist so, dass in vielen Fällen die Preise, die für Mais zum Beispiel bezahlt werden, der in die Äthanolproduktion fliesst, höher ist als der Preis, der zum Beispiel auf lokalen Märkten erzielt werden kann und dann dort der Ernährung der Bevölkerung dienen würde. Es gibt eine Konkurrenz, kann man sagen, zwischen Teller und Treibstofftank."

[RaBe:] Speziell in Kolumbien sei es so, dass der Anbau von Biotreibstoffen von der Regierung massiv gefördert werde. das heisst, die Regierung gewährt Vergünstigungen und Kredite und betreibt eine enge Zusammenarbeit mit den USA.
[Suhner:] "Es ist eigentlich für den ländlichen Raum das dominante, oder fast einzige Entwicklungsprojekt, das sie haben. Betroffen sind davon insbesondere Afrokolumbianer und Indigene – Indianerstämme. Ihre Territorien sind bisher relativ der Entwicklung verschlossen geblieben und sollen nun benutzt werden, um im grossen Stile Ölpalmen für die Dieselproduktion anzubauen oder auch Zuckerrohr, Yucca oder Kassava aus Afrika, um Äthanol zu produzieren."

[RaBe:] Laut der ask! fördern die weltweiten Gesetze zu den vorgeschriebenen Anteilen an Biotreibstoffen die negative Entwicklung. Auch die Schweiz leiste da ihren Beitrag:
[Suhner:] "Die Schweiz ist daran, eine Verordnung auszuarbeiten, die das Mineralölsteuergesetz regelt. Im Mineralölsteuergesetz wird die Steuerbefreiung von Agro- oder – wie es im Gesetz steht – Biotreibstoffen geregelt. Wir konnten erreichen, im Verbund mit anderen Entwicklungs- und MR-Organisationen, dass nebst einer Ökoklausel auch eine Sozialklausel ins Gesetz aufgenommen wurde. Das heisst, die Steuerbefreiung kommt nur bei einer positiven ökologischen Gesamtbilanz und wenn soziale Produktionskriterien beachtet werden."
[RaBe:] Nun sei das Problem, dass man nicht wisse, wie das auf Verordnungsebene umgesetzt werde. Es herrscht Ungewissheit:
[Suhner:] "Ein erster Entwurf hat die sozialen Kriterien rausgekippt. Und nun sagt man uns, dass diese sozialen Kriterien aufgenommen worden seien. Wir haben aber keine Ahnung, wie sie aufgenommen wurden, und die Verwaltung ist im Moment nicht bereit, diesen Verordnungsentwurf uns zugänglich zu machen."

[RaBe:] Biotreibstoffe sollen eigentlich die Reduktion von Treibhausgasen unterstützen und Treibstoffe wie Öl ersetzen, deren Vorrat zur Neige geht. Laut der ask und anderen Orgsanisationen schaden die Biotreibstoffe der Umwelt aber auch. Mit wenigen Ausnahmen:
[Suhner:] "Es gibt Agrotreibstoffe, die unter dem Klimaaspekt, sagen wir jetzt die Einsparung von Treibhausgasen, relevant sein können, aber zum Teil andere Umweltauswirkungen haben wie Wasserverschmutzung, Bodenversauerung. Es muss einfach sehr, sehr genau geschaut werden, welche Agrotreibstoffe überhaupt sinnvollerweise eingesetzt werden – wenn überhaupt. Wir sind eigentlich grundsätzlich sehr skeptisch und sind nur bereit, gewisse Treibstoffe zu akzeptieren, wenn sie wirklich strenge Umweltauflagen und vor allem strenge soziale und Menschenrechtskriterien akzeptieren und auch wirklich einhalten."

[RaBe:] Also aus Eurer Sicht sollte man beim Benzin bleiben, zum Beispiel für die Autos.
[Suhner:] "Plakativ gesagt, ist heute das Benzin im Moment die weniger schlimme Alternative. Aber es ist ganz klar, dass wir mit unserem heutigen Energie- und Treibstoffverschleiss nicht weiterfahren können. Es braucht ganz bestimmt ein alternatives Mobilitätskonzept."

[RaBe:] Die Kampagne gegen Agrotreibstoffe von der Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien hat eine Homepage. Mehr Informationen sind zu finden unter www.agrotreibstoffe.ch
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© Berner Lokalradio Radio RaBe und ask! Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien/MPJ, November 2007

Mit Vollgas in den Hunger – Brot statt Agrotreibstoffe!

Heute hat die ask! Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien mit einer Pressekonferenz in Bern die Kampagne gegen Agrotreibstoffe eröffnet.

Alle Informationen dazu und noch viel mehr findet Ihr / findest Du unter
http://www.agrotreibstoffe.ch


Ich hatte die Ehre, für unseren Besucher aus Kolumbien zu dolmetschen: Dr. Jesús Alfonso Flórez López ist Leiter der Pastoral Indígena von Quibdó, Kolumbien. Er ist Anthropologe, Universitätsprofessor, Pastor, ...
Gestern hat er in der Schweiz eine wichtige Studie vorgestellt: Report on Economic, Social and Cultural Rights of the indigenous and Afro-Colombian communities of the Colombian Pacific Coast. / Informe sobre los Derechos Económicos, Sociales y Culturales de las comunidades indígenas y afrocolombianas de la Costa Pacífica colombiana (Nov. 2007, con apoyo de MISEREOR y la asesoría de FIAN).

Der Bericht ist faktisch eine Gegendarstellung der katastrophalen Situation der Kleinbauern (vor allem Indigene und AfrokolumbianerInnen) an der kolumbianischen Pazifikküste zu Handen der UNO-Kommission für Wirtschaftliche, Soziale und Kulturelle Rechte (UNCESCR – UN COMMITTEE ON ECONOMIC, SOCIAL AND CULTURAL RIGHTS) zum kolumbianischen Regierungsbericht von 2006.

(Das UNCESCR tagt noch bis übermorgen in Genf: http://www.ohchr.org/spanish/)


Weitere Informationen und Vorschläge zum Thema Agrotreibstoffe und wie die drohende Energielücke geschlossen werden könnte, finden sich auf
http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/raps-ist-nicht-die-loesung/?src=HL&cHash=09295bc764

Hier der Titel aus der TaZ vom 19.11.2007:
Nachhaltigkeit geht anders -- Raps ist nicht die Lösung
KOMMENTAR VON TOBIAS MÜNCHMEYER*)

*) TOBIAS MÜNCHMEYER, geboren 1968 in Bielefeld, studierte Politikwissenschaft und ist derzeit stellvertretender Leiter der Politischen Vertretung von Greenpeace in Berlin. Er ist dort vor allem für den Bereich Energie- und Klimapolitik zuständig.
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In seinem Kommentar kritisiert Münchmeyer einen Debattenbeitrag von Bärbel Höhn: Biosprit muss nicht schädlich sein. Der findet sich unter http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/biosprit-muss-nicht-schaedlich-sein/?src=SE&cHash=5a6d3b6b91

Saturday, 3 November 2007

Online-Petition gegen Gentech-Agrodiesel

Guten Tag,

Heute möchte ich eine online Petition gegen Gentech-Agrodiesel bekannt machen. Hier die Nachricht, die soeben von www.regenwald.org eingegangen ist (mehr auch, auf englisch, unter www.stopbp-berkeley.org, wo PB massives Fehlverhalten und Intransparenz nicht nur in Bezug auf dieses Geschäft vorgeworfen wird):

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Stud[ierende] der Universität von Berkeley haben eine dringende internationale Petition gegen eine geplante Vereinbarung zwischen ihrer Hochschule und dem Energiekonzern BP gestartet.

Kernstück des Vertrags sind Investitionen in Höhe von 500 Millionen Dollar, die vor allem der Erforschung von Bio-Kraftstoffen dienen sollen – inklusive gentechnischer Veränderungen der Ausgangspflanzen. Käme er zustande, wäre dies eine der größten Finanzspritzen aus der Industrie an eine Universität.

Die Stud[ierende]n, aber auch eine Reihe an Wissenschaftler[Inne]n, zeigen sich wegen der Vertragsinhalte jedoch sehr besorgt. Unberücksichtigt blieben beispielsweise ökologische Fragen oder soziale Folgen der Vereinbarung – darunter auch die unbekannten Auswirkungen von gentechnisch veränderten Bakterien, Pilzen und Pflanzen, die im Rahmen der Zellulose-Ethanol-Forschung entwickelt werden sollen.

BP behält starken Einfluss auf alle Entscheidungen: Der Schwerpunkt der Arbeiten liegt deshalb vor allem auf der Entwicklung patentierbarer Technologien und dient nicht allgemein der Öffentlichkeit, so die Studentenvertretung weiter. Laut der Stoppt-BP-Berkeley-Kampagne (www.stopbp-berkeley.org) geht zudem ein Teil des Geldes an Forschungsarbeiten zu Öl und Kohle.

Der designierte Direktor des neu im Rahmen des Vertrags zu gründenden Instituts für Energie und Biowissenschaften Chris Somerville wird mit den Worten zitiert: „Ich bin überzeugt, dass jede Pflanze, die Menschen einmal nutzen werden, letzten Endes gentechnisch verändert sein wird.“

Die Petition findet sich unter:

http://www.thepetitionsite.com/1/international-petition-on-bps-500m-project-to-genetically-engineer-biofuels

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Thursday, 25 October 2007

Pressemitteilung: Die Via Campesina klagt an: Bewaffnete Syngentamiliz ermordet einen Leader der brasilianischen Landlosenbewegung

Guten Tag!

Wieder Mal fällt ein Schlaglicht auf einen Schweizer Multi, dessen Einstellung zu Menschenrechten besorgniserregende Auswirkungen hat. Diesmal geht es um Syngenta und Brasilien -- die Nachricht kam letzten Sonntag herein, aber ich war im Ausland. Trotzdem: Hier der Text.

Mit Bitte um Proteste, z.B. in Form von LeserInnenbriefen oder höflichen, aber energischen Protestschreiben an die Brasilianische Botschaft in Deinem/Ihrem Land...

PS: Ebenfalls vor Kurzem wurde folgendes bekannt:
***** Dole stoppt die Anwendung von Paraquat.
Dole, der weltweit wichtigste Anbieter von Obst, Gemüse und Schnittblumen, verzichtet künftig
auf die Anwendung von Paraquat. Obwohl immer mehr Grossproduzenten den Einsatz des hochgiftigen
Pestizids ablehnen, will Syngenta nun dessen Wiederzulassung in Europa erzwingen. Dieser Versuch
beruhigt kurzfristig vielleicht die Börse, ist jedoch aus Sicht der EvB chancenlos.
http://www.evb.ch/p25013260.html
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21. Oktober 2007

Bewaffnete Syngentamiliz ermordet einen Leader der brasilianischen Landlosenbewegung

Während eines Angriffs einer 40-köpfigen bewaffneten Miliz auf ein Zeltlager von landlosen Bauern auf dem Versuchsfeld des Schweizer Agrochemimultis [sic] Syngenta in Santa Teresa do Oeste um 13.30 Uhr des 21. Oktobers [2007] wurde der 32-jährige Valmir Motta, Vater von drei Kindern und Mitglied der Via Campesina, mit 2 Schüssen in die Brust ermordet. Weitere 6 Landarbeiter wurden ernsthaft verletzt und ein Angreifer kam wohl auch ums Leben. Die Verletzten: Gentil Couto Viera, Jonas Gomes de Queiroz, Domingos Barretos, Izabel Nascimento de Souza [und] Hudson Cardin wurden ins Spital gebracht. Izabel (eine Frau) liegt im Koma und in Lebensgefahr.
Das betreffende Syngentagelände wurde an diesem Morgen (21.10[.07]) von etwa 150 Bauern der Via Campesina besetzt. Das Gelände wurde schon im März 2006 besetzt, um den öffentlichen Institutionen und der Zivilgesellschaft die illegale Produktion von gentechnisch verändertem Mais- und Sojasaatgut zu denunzieren. Die Besetzung machte die Verbrechen Syngentas weltweit bekannt. Nach 16 Monaten Widerstand verliessen am 18. Juli dieses Jahres die 70 Familien das Gelände und zogen in die provisorische Siedlung "Olga Benario", welche ebenfalls in der Gemeinde Santa Tereza do Oeste liegt.
Heute bei der Wiederbesetzung zündeten die Landarbeiter Feuerwerk und die Sicherheitsmänner verliessen das Gelände. Um 13.30 Uhr hielt dann plötzlich ein Bus vor dem Haupttor und eine Miliz von etwa 40 schwer bewaffneten Pistoleros sprang aus ihm heraus und began auf die Bauern zu schiessen. Die Pistoleros brachen das Fronttor auf und exekutierten Valmir Motta mit zwei Schüssen in die Brust, schossen auf weitere fünf und schlugen auf Isabel do Nascimento de Souza ein, welche nun schwer verletzt im Spital liegt.
Syngenta hat Sicherheitsdienste angeheuert, welche in der Region völlig irregular handeln. Sie sind der ländlichen Gesellschaft der Westregion (Sociedade Rural da Regiõ Oeste, SRO) und der Bewegung der ländlichen Produzenten (Movimento dos Produtores Rurais, MPR) angegliedert. Einer der Direktoren der Sicherheitsfirma "NF" wurde verhaftet, und der Besitzer entkam während einer Bundespolizeioperation früher in diesem Monat, als Munition und illegale Waffen sichergestellt wurden.
Es gibt Beweise, die zeigen, dass die Firma als Fassade dient, um im Bedarfsfall weit mehr Sicherheitsleute illegal anzuheuern als sie auf dem Papier hat, um eine bewaffnete Miliz zu formen, die gewaltsame Räumungen und Angriffe auf die Lager der Landlosen der Region ausführen. Am letzten Dienstag, dem 18.10., wurde[n] in Curitiba während einer öffentlichen Anhörung, welche von der Menschenrechts- und Minderheitenkommission der staatlichen Abgeordnetenkammer koordiniert wurde, die Verbindungen der bewaffneten Milizen zur SRO/MPR und zu Syngenta denunziert.
Die Via Campesina fordert die Justiz auf, den Angriff auf das Landarbeiterlager zu untersuchen, welches [sic] zusammen mit den Familien aus Olga Benario immer noch dafür kämpfen, dass die Syngentafelder in ein agrarökologisches Zentrum umgewandelt werden für die Vermehrung von traditionellem, biologischen Saatgut für bäuerliche Familien aus der Landreformbewegung. Die BewohnerInnen der Siedlung Olga Benario, welches an die Syngentafelder angrenzt, sind ebenfalls gegen GVO-Versuche in diesem Gebiet, weil sie ihre Produktion traditionellen Saatgutes verunreinigen und Schäden an ihrer Ernährung, Gesundheit und Umwelt anrichten.

Via Campesina

Presseinformationen:
Tel 55 (41) 3324.7000 und 55(41)84119794 – Solange
e-Mail: comunicacaopr[AT]mst[PUNKT]org[PUNKT]br

[Uebersetzung von Reto Sonderegger: retosonderegger[AT]gmx[PUNKT]ch]
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