Showing posts with label Kohleabbau. Show all posts
Showing posts with label Kohleabbau. Show all posts

Thursday, 14 February 2008

Kolumbien, Glencore, Public Eye Award

© Neue Luzerner Zeitung; 30.01.2008; Seite 19 [http://www.nlz.ch]

Zuger Zeitung Aufschlag

Public Eye -- Rapper reden einem Rohstoffhändler ins Gewissen

Gimma und Greis sind nach Baar gereist, um der Firma Glencore eine Auszeichnung zu überreichen. Deren Chef ist nicht erfreut.

Sie haben sich gestern in Geduld geübt, ­ die beiden Schweizer Rapper Gimma und Greis. Ist ihnen sonst bei Auftritten ein jubelndes Publikum sicher, hat man sie in Baar warten lassen. Dabei wollten sie dem Management des Rohstoffhändlers Glencore gestern eine Auszeichnung überbringen. Sie hatten den Public Eye Award im Gepäck, ­ den Schmähpreis «für übles Firmenverhalten».

Schmähpreis aus Davos

Die Trophäe ist von den Nichtregierungsorganisationen Erklärung von Bern und Pro Natura ins Leben gerufen worden und wird seit vier Jahren am Weltwirtschaftsforum Davos verliehen. Das Baarer Unternehmen hat es in diesem Jahr getroffen, weil das Management skrupellos mit den Arbeitern in den kolumbianischen Kohleminen Carbones de la Jagua umgehe und deren Versuche, sich gewerkschaftlich zu organisieren, unterdrücke.

Ausserdem verursachten die Kohleminen massive Umweltverschmutzung und Gesundheitsschäden bei der Bevölkerung, kritisieren die Erklärung von Bern und Pro Natura. Seit langem versuchen Gewerkschafter aus Kolumbien mit der Geschäftsleitung in Baar in Kontakt zu treten, um ihre Kritik an oberster Stelle zu deponieren.

Gestern wurde mit Sergio Becerra Moreno erstmals ein Gewerkschafter in Baar empfangen. Glencore-Chef Ivan Glasenberg nahm sich eineinhalb Stunden Zeit für den Gewerkschafter aus Kolumbien und Stephan Suhner von der Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien [...]. «Ohne den Public Eye Award hätten wir vielleicht auch heute vor verschlossenen Türen gestanden», sagt Suhner. «Natürlich sind die Vertreter der Glencore bei der Meinung geblieben, dass alles gut läuft in Kolumbien. Wichtig ist aber, dass sie uns versprochen haben, gewissen Ungereimtheiten nachzugehen.» So berichten die Arbeiter in der Mine immer wieder, dass sie vom Wachpersonal auf dem Firmengelände bedroht werden und gerade Gewerkschaftmitglieder Angst haben. «Ich hatte bei den Gesprächen auch das Gefühl, dass die Firmenzentrale nicht über alles informiert ist, was das lokale Management macht», sagt Suhner. Ebenfalls Thema des Gesprächs war die Knappheit von sauberem Trinkwasser in den Dörfern um die Mine, die angeblich auch durch den Kohleabbau verursacht wird.

«In Haft oder auf der Flucht»

Laut Lotti Grenacher, Sprecherin der Glencore, bezahlt das Unternehmen die lokale Regierung für die Schürfrechte. «Dieses Geld wird aber nicht zur Verbesserung der lokalen Infrastruktur verwendet», relativiert Suhner. «Die letzten vier Bürgermeister der Stadt La Jagua sind entweder wegen Korruption in Haft oder auf der Flucht.» Die Glencore nutze ihren starken lokalen Einfluss nicht, um etwas gegen die Korruption zu tun. Grenacher widerspricht: «Wir finanzieren Krankenhäuser, Schulen und auch den Bau von Strassen in der Region.»

Während drinnen die Gespräche laufen, warten die Rapper draussen geduldig auf ihren Einsatz. Doch belohnt werden sie dafür nicht. Gimma hat sich fest vorgenommen, den Preis nur dem Firmenchef persönlich zu überreichen. Doch Ivan Glasenberg zeigt sich nicht. Gimma und Greis markieren Härte: «Wir kommen wieder.»

Nelly Keune
****

[Mehr Informationen zum Thema auch bei ask! – Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien: http://www.askonline.ch ]

Tuesday, 11 September 2007

Glencore-Geschäftsgebaren u.a. in Kolumbien - http://www.trend.drs.ch

Der heutige Radio-Tipp -- Radio DRS 1: «Trend - Das Wirtschaftsmagazin»

(Un-)heimliche Glencore AG


[Trend, 08. September 2007, 08.30-08.45 h, DRS 1]

Online Aufhänger:

Was unter Marc Rich als Rohstoffhändler begann, hat sich unter der Firmenbezeichnung «Glencore» zum weitaus grössten Schweizer Unternehmen mit Niederlassungen auf allen Kontinenten entwickelt. «Glencore» ist der verschwiegenste unter allen europäischen Grosskonzernen. Wenn der Rohstoffmulti dennoch von sich reden macht, dann wegen Streiks, Entlassungen oder Verstaatlichungen in Lateinamerika.

«Trend» berichtet über den auf Diskretion bedachten Rohstoffgiganten aus Baar bei Zug.
[Eine Sendung von] Rainer Borer

***
SENDUNG [Transkript: Margaret Powell]

"Nuestra respuesta es, primero queremos saber quién es Glencore" – "Zuerst möchten wir wissen, wer ist Glencore?" In Bolivien wurde eine Glencore-Mine verstaatlicht. Über Entschädigungen sprechen will der Bolivianische Handelsbeauftragte Pablo Solón jedoch erst, wenn er weiss, wer hinter der in Baar bei Zug domizilierten Rohstoffgesellschaft steckt, dem notabene vom Umsatz her grössten Unternehmen der Schweiz. In der Zentrale des verschlossenen Rohstoffhändlers und Minenbesitzers in Baar stellt man sich taub; Interviews gibt man nicht. – Glencore und die heimlichen – oder vielleicht gar unheimlichen? – Geschäfte: Thema heute im Trend. Am Mikrophon: Rainer Borer.

Glencore International ist der grösste unter den Schweizer Konzernen. Der Rohstoffmulti übertrifft umsatzmässig bei weitem sogar den Nahrungsmittelgiganten Nestlé, und mit Riesenschritten weiten die Baarer Rohstoffähndler ihr Imperium aus. In nur zwei Jahren haben sie ihren Umsatz verdoppelt. Und das ist schon fast alles, was der geheimnisumwitterte Konzern Glencore der Öffentlichkeit preisgibt.
Markus Mugglin hat sich auf Spurensuche gemacht und stellte fest, dass Glencore auf der ganzen Welt mehr von sich reden macht, als dem Unternehmen recht sein kann.

Markus Mugglin:
Das Deutsche Managermagazin publizierte im Frühjahr sein neuestes Good Company Ranking über die 120 grössten Konzerne Europas. Die Rangliste bewertet, wie rentabel, sozial und zugleich umweltbewusst die Unternehmen sind. Renommierte Konzerne schmücken die ersten Plätze: das Pharmaunternehmen BASF, der deutsche Waschmittel- und Kosmetikkonzern Henkel und die britische Anglo-American.
Die Grossbank UBS folgt als erstes Schweizer Unternehmen an sechster Stelle. Ins vorderste Drittel der geprüften Unternehmen bringen es auch Roche und Nestlé. Ganz am Schluss der Good Company Rangliste steht Glencore. Der Rohstoffmulti aus Baar bei Zug erhielt von allen 120 die schlechtesten Zensuren. Von maximal 100 Punkten schafft Glencore gerade mal 1,5 – noch deutlich weniger als Aldi und Lidl, die unmittelbar davor rangieren.
Klaus-Rainer Kirchhoff von der gleichnamigen Consulting-Firma, der die Untersuchung zusammen mit dem Beratungsunternehmen Deloitte im Auftrag des Manager-Magazins durchführte, begründet, weshalb Glencore schlechter als alle anderen abschneidet:
KRK am Telefon: "Wir haben für die Auswertung und Bewertung der Unternehmen alle verfügbaren Quellen herangezogen und zusätzlich die Unternehmen angeschrieben und darum gebeten, dass sie uns darüber hinausgehend Material zur Verfügung stellen. Wir haben von Glencore nichts erhalten, und das was in der Öffentlichkeit zugänglich ist, ist völlig aussagelos. … Wir haben deshalb zu den entscheidenden Fragen und Kriterien keine Informationen gefunden. Das ist der Grund, weshalb das Unternehmen ganz unten gelandet ist. …"
Abgeschlagen auf Platz 120. Wie reagiert man in der Glencore-Zentrale auf das vernichtende Urteil? Darüber hätten wir gerne mit den Verantwortlichen in Baar gesprochen. Doch zum Gespräch kam es nicht. Glencore teilte lediglich per Mail mit: "Glencore ist ein privat gehaltenes Unternehmen und nicht verpflichtet, öffentlich Bericht zu erstatten."
Klaus-Rainer Kirchhoff lässt diesen Grund nicht gelten: Viele andere, nicht an der Börse kotierte Unternehmen gäben Einblick in ihr Geschäftsgebaren und sähen ein, dass sie unabhängig von ihrer Rechtsform und Eigentumsverhältnissen gegenüber der Öffentlichkeit rechenschaftspflichtig seien:
KRK: "Ein Unternehmen, was so bedeutsam ist, was indirekt und direkt über 50'000 Menschen beschäftigt, hat einfach auch eine Verantwortung, Transparenz zu schaffen, Vertrauen zu schaffen, Akzeptanz zu schaffen, und dem kommt dieses Unternehmen überhaupt nicht nach."

Glencore war lange Zeit nur Rohstoffhändler. Seit ein paar Jahren investiert das Unternehmen aber massiv in die Rohstoffproduktion. Es produziert Rohöl und Kohle und baut Kupfer, Zink, Nickel und weitere Metalle ab. Das aus dem Steuerparadies Zug dirigierte Unternehmen hält Beteiligungen auf allen Kontinenten, ist in einem Dutzend Länder präsent und beschäftigt weltweit 50'000 Personen, allein in Kasachstan 20'000. In Südamerika und Afrika stehen je rund 10'000 im Solde des Rohstoffmultis.
Doch die Expansion ins Minengeschäft bringt Glencore wiederholt in Konflikt mit Einheimischen – in Bolivien zu Beginn des Jahres gar mit der Regierung. Boliviens Präsident Evo Morales nationalisierte per Dekret das Erzschmelzwerk von Glencore – offizielle Begründung: Glencore habe das Werk nicht rechtmässig erworben. Das Zuger Unternehmen bestreitet das und fordert, nach der Enteignung zumindest entschädigt zu werden. Bolivien will nicht darauf eintreten. Man wolle klären, unter welchen Umständen Glencore das Schmelzwerk gekauft habe, bevor über eine Kompensation verhandelt werde, gibt der Handelsbeauftragte der bolivianischen Regierung, Pablo Solón, zu verstehen:
PS: "Antes de hablar de cualquier indemnización, primero tenemos que esclarecer la verdad. Porque no puede haber indemnización sobre la base de hechos absolutamente obscuros."
Und eine Kompensation könne es nur geben, sofern der Kauf der Mine rechtmässig erfolgt sei.

Nicht nur in Bolivien, auch anderswo kam es in Niederlassungen von Glencore und des Rohstoffkonzerns Xstrata, an der Glencore ein Drittel hält, zu Konflikten: In Peru, in Argentinien, in Sambia, und vor allem in Kolumbien. Mal waren es Arbeitskonflikte mit Entlassungen und Streiks, andere Male gab es Streit mit der lokalen Bevölkerung.
Stephan Suhner von der Arbeitsgruppe Kolumbien-Schweiz [sic, sollte eigentlich Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien heissen] hielt sich während eines Monats im Norden von Kolumbien auf, wo er in La Jagua Zeuge eines Arbeitskonflikts in der von Glencore kontrollierten Kohlemine wurde:
StS: "Am Tag als wir in Kolumbien angekommen sind, hat eine Tochterfirma von Glencore 117 Arbeiter entlassen. Das waren Arbeiter einer Temporärfirma. Deren Vertrag wurde von einem Tag auf den andern aufgekündigt ohne Angabe von genauen Gründen. Die entlassenen Arbeiter haben dann einerseits die Zugänge zur Mine blockiert, andererseits haben 30 Arbeiter innerhalb der Mine protestiert."
Der Konflikt eskalierte, kolumbianische Sicherheitskräfte gingen gewaltsam vor, Menschen wurden verletzt. Schliesslich hat das Unternehmen einen Teil der Belegschaft wieder eingestellt. Über das Schicksal der übrigen Arbeiter wird noch verhandelt.

Stephan Suhner reiste als Mitglied einer internationalen Delegation nach Kolumbien, die sich für die Rechte indigener Einwohner und für menschenwürdige Arbeitsbedingungen in den Minen einsetzt. Seit Jahren engagieren sich Nichtregierungsorganisationen aus mehreren Ländern dafür, und legen dabei ein besonderes Augenmerk auf das Verhalten der multinationalen Konzerne aus den USA, aus Australien, und auch von Glencore. Der Schweizer Multi ist in Kolumbien vor 11 Jahren ins Bergbaugeschäft eingestiegen:
SS: "Glencore hat 1996 ein Handelsunternehmen aufgekauft, das auch Beteiligungen an Kohlenminen hatte, war dann während mehreren Jahren beteiligt an der grössten offenen Kohlenmine im Norden Kolumbiens, in El Cerrejón, und hat 2004 begonnen, vier weitere kleinere Kohlenminen im Nachbardepartement aufzukaufen und ist jetzt … im Kohlensektor relativ gut positioniert."

Der Aufstieg von Glencore zum wichtigen Kohleproduzenten war begleitet von Konflikten. Dorfgemeinschaften wurden vertrieben und zerstört. Es wurden zwar Entschädigungen angeboten, doch sie reichten meist nicht aus, eine neue Existenz aufzubauen. Eingeborene wehrten sich, wollten nicht weichen, wurden gewaltsam vertrieben, es gab Verletzte und gar Tote. Und noch mehr Ungemach droht, denn Kolumbien will in Kürze zum weltweit drittwichtigsten Kohleanbieter aufsteigen. Der Begbau wird noch mehr Böden beanspruchen. Für das Land bedeutet das hohe Deviseneinnahmen, weshalb ausländische Investoren hoch willkommen sind.

Der lokalen Bevölkerung bringt der Kohleboom allerdings wenig, hat Stephan Suhner bei seinem jüngsten Aufenthalt in der Bergbauregion erneut feststellen müssen:
SS: "Das Dorf, wo Glencore die Mine betreibt, ist etwa das zweit- oder drittreichste Dorf Kolumbiens, nur sieht man davon nichts. Das Dorf ist so arm wie jedes andere Dorf in Kolumbien: kein Trinkwasser, der Strom geht immer wieder weg, die Kindersterblichkeit ist enorm hoch, Umweltbelastung – es sind Dörfer, die mitten im Reichtum existieren, aber selber total arm sind und [wo] die Korruption eigentlich alle Gelder wegfrisst."

Da verwundert es nicht, dass die lokale Bevölkerung und die Mineure unzufrieden sind, immer wieder aufbegehren und versuchen, Bergbaukonzerne wie Glencore unter Druck zu setzen. Doch die Arbeiter und ihre Gewerkschaften haben das gleiche Problem mit Glencore wie Journalisten oder Unternehmensberater, die mehr über die Geschäftspolitik des Rohstoffunternehmens wissen möchten. Das hat Stephan Suhner bei seinem jüngsten Aufenthalt in Kolumbien erneut erfahren:
SS: "Die Arbeiter beschweren sich darüber, dass sie mit Glencore selbst noch gar nie gesprochen haben, dass Glencore für sie kein Gesicht hat. Aber man weiss natürlich, dass Marc Rich einer der Gründer war, und sie haben ein relativ schlechtes Bild von Glencore, ohne die Firma wirklich zu kennen."

Stephan Suhner ist einer der wenigen Aussenstehenden, dem vergönnt war, mit Glencore-Verantwortlichen reden zu können. Er hat in Kolumbien lange um ein Gespräch gebeten – vergeblich, hat er bereits gedacht. Doch am Tag vor seiner Abreise wurde er doch noch empfangen:
SS: "Ich war darüber sehr überrascht. Ich hatte es nicht erwartet. Die beiden Personen haben sehr betont, dass sie neu in der Region sind, dass sie die Sachen besser machen wollen. Sie haben versprochen, mehr Leute direkt einzustellen, zu besseren Bedingungen. Sie wollen soziale Institutionen fördern in der Region. Also in dem Sinn, wenn man sie mal beim Wort nehmen möchte, sehr positiv."
Doch ob es mehr als nur Versprechen sind, wird sich weisen. Stephan Suhner hofft es, bleibt aber skeptisch. Er wird jedenfalls genau beobachten, wie es weitergeht – als Sekretär der Arbeitsgruppe Kolumbien-Schweiz [sic] und zusammen mit NROs aus den USA und anderen Ländern. Und bricht in Kolumbien der Streit wieder aus, werden sie wieder protestieren und öffentlich Druck machen und versuchen, den Arbeitern Rückhalt zu geben.

Doch zurück in die Schweiz: Hier, in der Glencore-Zentrale in Baar, gelten wieder die bekannten Verhaltensregeln. Dem Journalisten war es nicht vergönnt, mit Glencore-Vertretern zu reden. Per Mail wurde ihm nur beschieden: "Nach unserer Meinung haben die Unternehmen die Verantwortung, richtig zu handeln, anstatt über Verantwortung zu berichten."

Das befriedigt nicht nur den Berichterstatter nicht. Auch Klaus-Rainer Kirchhoff von der Kirchhoff-Consulting erwartete mehr von einem bedeutenden Rohstoffkonzern, wie Glencore einer ist:
KRK: "Was den Umgang mit den Mitarbeitern angeht, was die Wahrnehmung von gesellschaftlicher Verantwortung angeht, was den Bereich Umwelt angeht, da ist es eigentlich relativ egal, ob ein Unternehmen an der Börse ist oder nicht. Es hat darüber Rechenschaft abzulegen, und es hat da auch Verantwortung zu übernehmen."
Doch, ob der Appell in der Zentrale gehört wird? Man wird es sehen, wenn sich Klaus-Rainer Kirchhoff zusammen mit seinen prominenten Juri-Mitgliedern, wie dem langjährigen ehemaligen Nestlé-Chef Helmut Maucher und dem ehemaligen Chef des UNO-Umweltprogramms, Klaus Töpfer, daran macht, sein nächstes Good Company Ranking zu erstellen.

Man kann gespannt sein, ob Glencore auch dann wieder, weniger als alle anderen Grosskonzerne Europas, in seine Geschäftsbücher und Praktiken blicken lässt.

Absage: Der heimliche Rohstoffriese Glencore und sein unheimliches Geschäftsgebaren – das war der Beitrag von Markus Mugglin.
****

Zur Zeit zu hören auf http://www.trend.drs.ch

Friday, 17 August 2007

Weitere Infos zu Kolumbien, La Jagua: Protest gegen Glencore droht mit Gewalt gelöst zu werden



Weiterhin ungelöste Lage in der Glencore-Mine von La Jagua, Kolumbien --
Bitte schreiben Sie Protestbriefe!



Folgenden Musterbrief kannst Du/können Sie an folgende Adressen mailen:

Frau Lotti Grenacher, Glencore
Embajada de Colombia, Berna

Kopien z.B. an Herrn Thomas Kupfer, Schweizer Botschafter in Kolumbien , Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien, Fachstelle Bern , MultiWatch

***
Sehr geehrte Frau Grenacher, Muy estimad@s señor@s

Aufgrund jüngster Berichte aus der Glencore-Minie in La Jagua/Kolumbien scheint sich die Lage dort zuzuspitzen. Ich bitte Sie deshalb nochmals, sich mit allen Mitteln fuer eine fuer die Arbeiter akzeptable und v.a. friedliche Loesung einzusetzen.

Sie erinnern sich: Am 1.8.07 auf illegale Art und Weise entlassene Arbeiter protestieren seither zusammen mit ihren Familien vor dem Eingang zur Mine. Eine am 8.8. drohende gewaltsame Aufloesung der Versammlung konnte bisher durch internationalen Druck verhindert werden. Hingegen ist inzwischen die Gegend massiv militarisiert und eine Spezialeinheit der Ordnungspolizei eingeflogen worden. Laut vertrauenswuerdigen Berichten ist dem Buergermeister von La Jagua de Iberico die Befugnis uebertragen worden, die Aufloesung der Versammlung zu veranlassen. Auch soll er unter Druck stehen, dies demnaechst zu tun.

Ich mache mir grosse Sorgen um das Wohl der rund 300 Protestierenden, darunter Frauen und Kinder. Sie haben bereits 14 Tage in grosser Hitze ausgeharrt und dem Druck standgehalten.

Daher bitte ich Sie nochmals dringend, sich der Verantwortung zu stellen und auf Verhandlungen mit den Arbeitern einzulassen.

Mit hochachtungsvollen Gruessen
(Unterschrift)

****

Thursday, 9 August 2007

Der hohe Preis des Wirtschaftssegens Kohle

Der hohe Preis des Wirtschaftssegens Kohle
Proteste gegen Drummond und Glencore im Dorf La Jagua, Cesar (Kolumbien)

von Lisa Huber, ask! Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien --> http://www.askonline.ch

Das Departement Cesar im Norden Kolumbiens mit Zugang zum karibischen Meer ist nicht nur eines der von den Paramilitärs am stärksten kontrollierten Departemente, es beherbergt auch ein beachtliches Vorkommen an Kohle. Diese wird hauptsächlich vom US-amerikanischen Kohlenkonzern Drummond und dem Schweizer Multi Glencore abgebaut. Drummond, das aktivere der beiden multinationalen Unternehmen in der Region mit einer jährlichen Kohlengewinnung von 27 Mio. Tonnen, befindet sich zurzeit in einer Evaluationsphase. Drummond will die Förderungsfläche im Cesar von 20 Mio. ha auf 43 Mio. ha ausbauen und die Produktion der letzten Jahre verdoppeln. Die Firma wartet zurzeit noch auf den Entscheid der Regierung bezüglich der Umweltverträglichkeitsstudie für die neu zu eröffnende Mine El Descanso. Für die kolumbianische Regierung hat der Kohlesektor höchste Priorität, da die Kohle das zweitgrösste Exportprodukt des Landes nach dem Erdöl und der drittgrösste Devisenbringer ist. Zudem fliesst der Grossteil der Investitionen im Bergbau in den Kohlenabbau, so dass dieser Sektor die makroökonomischen Daten der Wirtschaft äusserst positiv beeinflusst, was leider für die soziale und wirtschaftliche Lage vor Ort überhaupt nicht zutrifft!

Den Preis für diesen makroökonomischen Segen hat nämlich die ansässige Bevölkerung zu tragen. Die Gemeinde La Jagua de Ibirico ist eine von drei Gemeinden im Departement Cesar, in denen Kohle abgebaut wird. Gerade ihre BewohnerInnen leiden besonders unter den Auswirkungen der Minenaktivitäten. Denn trotz der enormen Gewinne, die durch den Kohlenabbau in ihrer Region erzeugt werden, leiden die Menschen in La Jagua unter Wasserknappheit, schlechten Strassen und hoher Arbeitslosigkeit. Nur 8% aller Angestellten der Kohlenminen kommen aus der Region und arbeiten fast ausschliesslich in der Reinigung oder als Hilfskräfte beim Kohlenabbau. 3 von 10 Pesos, die das Departement Cesar erhält, fliessen in die Gemeinde La Jagua.

Trotzdem gibt es kein Trinkwasser und die öffentlichen Dienstleitungen sind nicht besser als in Dörfern ohne die Tantiemen des Bergbaus. Die Kindersterblichkeit ist doppelt so hoch als der Landesdurchschnitt! Die hohe Konzentration von Kohlenstaub in der Luft und weitere Unzulänglichkeiten im Bereich des Umweltschutzes verursachen gesundheitliche Probleme. Infektionen und Erkrankungen der Atemwege gelten als Gesundheitsproblem Nummer eins in La Jagua. Wasserquellen, Wälder und Nahrung der Tiere sind verunreinigt. Zudem: Obschon die kolumbianische Regierung eine bescheidene Abgabe von 5% bis 10% des Gewinns an die Bevölkerung festgesetzt hat, haben die Bewohner bis heute noch keinen Peso davon gesehen. La Jagua gilt als die korrupteste Gemeinde Kolumbiens, was die Regierung veranlasst hat, Gelder im Wert von über 100 Mrd. Pesos auf unbestimmte Zeit „einzufrieren“. Von den letzten vier Bürgermeistern sind drei wegen Korruption und Verbrechen angeklagt. Der rechtschaffene Bürgermeister musste das Dorf wegen Todesdrohungen verlassen. Denn mit dem Reichtum kamen auch Kriminelle, die Guerilla und die Paramilitärs. Mit dem beschaulichen Leben und dem bescheidenen Wohlstand aus der Landwirtschaft war es vorbei. La Jagua war auf den Geldsegen eindeutig nicht vorbereitet!

Ein besonderes Problem stellt der Lastwagentransport der Kohle von der Mine zum Hafen in Santa Marta dar. Lediglich Drummond verfügt bisher über die Möglichkeit, ihre Kohlenproduktion im Cesar per Eisenbahn zum Hafen zu bringen. Glencore und weitere kleinere Firmen machen dies per Sattelschlepper, was die Strassen zerstört, enorme Staubbelastungen hervorruft und Santa Marta als Feriendestination ruiniert: Das Stadtbild ist von Tausenden von Lastwagen, Reparaturwerkstätten und Tankstellen verschandelt. Die Gesellschaft FENOCO - sie betriebt die Eisenbahn nach Santa Marta - wurde nun aber gemeinsam von den Kohlen-Multis übernommen – Glencore hält 40% daran –, und die Eisenbahnlinie wird doppelspurig ausgebaut, um in ein paar Jahren die ganze Kohle per Bahn zum Hafen transportieren zu können. Auch das Meer wird verschmutzt, da die Kohle mit kleinen Schiffen hinaus zu den grossen Tankern transportiert wird und beim Verladen auf hoher See Kohle ins Meer fällt. Die visuelle Verschmutzung der Badestrände ist enorm. Abhilfe sollen neue Hafenanlagen schaffen, wozu die Bahía teilweise ausgebaggert und ein 5 Kilometer langer Hafenterminal gebaut werden muss, um die direkte Beladung der Schiffe über Fliessbänder zu ermöglichen. Auch daran ist Glencore über ihre Tochterfirma C.I. Prodeco beteiligt: Im neuen Hafen sollen Exporte von jährlich 64 Millionen Tonnen abgewickelt werden.

Die Frustration über die Umweltverschmutzung, die gesundheitliche Zumutung sowie über den armseligen Verdienst der Kohlenarbeiter und das fehlende Angebot an Arbeitsplätzen für die regionale Bevölkerung entlud sich zwischen dem 8. und 10. Februar 2007, als sich die Bewohner von La Jagua zum Streik gegen die multinationalen Kohlebauunternehmen Drummond und Glencore zusammen taten und die Zugangsstrassen zu den Minen mit Steinen und Gräben blockierten. Die Bereitschaftspolizei griff die friedliche Protestaktion mit Tränengas an, weshalb es dann zu wüsten Zusammenstössen mit Soldaten und Polizisten kam und das Polizeirevier und verschiedene Lastwagen angezündet wurden. Am Schluss zählte man einen Toten und rund fünfzig Verletzte.

Die Organisatoren der Proteste bezeichnen einheitlich die Sicherheitskräfte als die Schuldigen für die Eskalation. Die Regierung schien die Brisanz der Situation zu erkennen, denn schon am darauf folgenden Tag erschien Präsident Uribe am Ort des Geschehens, um die Aufhebung des Protests auszuhandeln mit dem Versprechen, keine Sanktionen zu verhängen, den Fall des Getöteten ausgenommen. Mit der Gemeinschaft wurde ein Abkommen ausgehandelt, wobei sich die Regierung für die Lösung des Umweltproblems, die Verbesserung der Wohnqualität und die Fertigstellung der Wasser- und Abwasserversorgung verantwortlich erklärte. Weiter hat Uribe eröffnet, dass er nun endlich die von der Regierung unter dem Vorwand der Korruption „eingefrorenen“ Abgaben freigeben werde. Allerdings hat er auch Vorschläge gemacht, die der Bevölkerung von La Jagua nicht passen, unter anderem will er einen Teil der für die soziale Entwicklung der lokalen Gemeinschaften zweckbestimmten Gelder dafür verwenden, die Millionen schweren Schäden – verursacht durch zwei Jahrzehnte rücksichtslosen Kohlenabbau – zu beheben. Dies ist jedoch unannehmbar und wäre eine krasse Begünstigung der Multis.

Anfang 2007 konnte die Kohlearbeitergewerkschaft in Verhandlungen mit den Kohleminenbetreibern einen Erfolg verbuchen. Dies hat höchst wahrscheinlich den durch die lokalen politischen Umstände und die einschüchternde Präsenz der bewaffneten Gruppen in der Region lange unterdrückten Streik mit angefacht. Im Zentrum der Debatte sowohl des Arbeitskonfliktes wie auch des Zivilstreiks stand die Aggression der Kohleunternehmen gegenüber der Bevölkerung und der Umwelt. Die Arbeiter und lokale Gemeinschaften forderten nicht nur einen Beitrag der multinationalen Unternehmen, die in Kolumbien um die 3 Mrd. US Dollars pro Jahr am Kohlenabbau verdienen, an die Verbesserung des Lebensstandards der Bevölkerung. Sie verlangten auch, dass die ausländischen Konzerne, die sich in Zusammenarbeit mit der Regierung an den kolumbianischen Bodenschätzen bereichern, sich zu einem Kompromiss für direkte soziale Investitionen bereit erklären. Weiter wollten sie die Bergbauunternehmen auf ihre Verpflichtungen im Bereich des Umweltschutzes behaften, deren Einhaltung eine Bedingung für das Erhalten der Abbaulizenz war.

Doch trotz Uribes Versprechen nach den Protesten vom Februar gegenüber der lokalen Gemeinschaften ist es sehr fraglich, ob nun tatsächlich eine Verbesserung der Lage für die Bevölkerung eintreten wird. Erstes Anzeichen dafür, dass die multinationalen Unternehmen weiterhin das Wohl und die Rechte der ansässigen Bevölkerung mit Füssen treten, ist beispielsweise ihre nach wie vor fehlende Bereitschaft, den Anteil der lokalen Bevölkerung in ihrer Arbeiterschaft zu erhöhen, um die hohe Arbeitslosigkeit in der Region einzudämmen. Nach den Protesten wurden sechs sogenannte Arbeitstische einberufen, um die Anliegen der Bevölkerung mit den Unternehmen und den staatlichen Institutionen zu verhandeln. Diese Verhandlungen kommen jedoch kaum vom Fleck und führten bisher zu keinen tiefgreifenden Lösungen.

Andererseits bemühen sich die Unternehmen mit ihren „grosszügigen“ Investitionen in Umweltschutz und soziale Projekte um ein günstigeres Image. So legte Reinhold Hans Schmidt, Manager der Glencore-Mine Carbones de la Jagua, dar, wie Glencore sich um einen integralen Produktionsprozess bemüht, der allen internationalen Standards genügen werde – z.B. mit neuen Anlagen für die Zerkleinerung der Kohle vor dem Transport. Glencore bemühe sich um nachhaltige Operationen gegenüber der Umwelt, den Arbeitern und der Gesellschaft des Cesar im Allgemeinen. So seien auch stattliche Investitionen in die Aufforstung getätigt worden, und Glencore betreibe mehrere gemeinnützige Stiftungen, mit denen sie Bildungs- und Gesundheitsprogramme unterstütze. Diese Investitionen scheinen – wenn man sich die Proteste der Bevölkerung vor Augen führt – mehr PR-Aktionen und Tropfen auf den heissen Stein, denn wirkliches soziales Engagement zu sein.

Auch an der Aufrichtigkeit von Präsident Uribe selbst muss gezweifelt werden, hat er doch noch letztes Jahr den Manager von Drummond öffentlich gelobt für den Kompromiss, den sein Unternehmen einging, um die von Kohle-Produktion und –Transport verursachten Umweltschäden zu mildern. Weiter hat Uribe auch deutlich seinen Wunsch ausgedrückt, dass Konzerne wie Drummond weiter wachsen, da dies zum Wohl des Landes beitrage. Bei seinen Lobgesängen auf die Konzerne lässt er sich auch nicht von der Tatsache stören, dass z.B. Drummond beim Strafgericht von Alabama der Unterstützung von bewaffneten Gruppen angeklagt ist, die für die Ermordung von drei Gewerkschaftern, für Drohungen, antigewerkschaftliche Praktiken und Feindseligkeiten gegen Arbeiterführer, insbesondere während des Streiks von 2006, verantwortlich gemacht werden.

Falls Drummond nun also die Erlaubnis für die geplante Ausdehnung erhielte, würde dies die Lebensbedingungen der Bevölkerung, die nun schon seit über zwanzig Jahren unter den Folgen der Kohleausbeutung in der Region leidet, noch stärker beeinträchtigen. Das neue Projekt würde nicht nur eine weitere Ausbeutung billiger Arbeitskräfte und eine Zunahme der vom Kohlenstaub bedingten Erkrankungen unter der ansässigen Bevölkerung mit sich bringen. Es würde auch das für das Funktionieren des Ökosystems und das wirtschaftliche Leben der Bevölkerung entscheidende Gewässersystem aufs Schwerste beeinträchtigen. Deshalb meint der lokale Präsident der Einheitsgewerkschaft CUT, dass beim Entscheid über eine weitere Expansion der Minenaktivitäten in der Region jene angehört werden müssten, die vom Verlust von 43'000 ha Land und vom Transport von Millionen Tonnen Kohle am unmittelbarsten betroffen sind.


L.H., Arbeitsgruppe Schweiz Kolumbien, Juli 2007

Wednesday, 17 January 2007

Zuger Firma unterstützt gnadenlosen Kohleabbau in Kolumbien

Der schweizerische Minenkonzern Xstrata Plc (vorher Glencore AG) besitzt einen Drittel vom kolumbianischen Konzern Carbones del Cerrejón im Departement Guajira, mit 69'000 Hektaren der weltweit grösste Kohlenpott im Tagbau. Der Kohleabbau hat aber seinen Preis: seit Beginn des Abbaus wurden immer wieder ganze Siedlungen von Afrokolumbianern und Indianern geräumt.

Siedlungen werden geräumt

Im August 2001 wurde das Dorf Tabaco gewaltsam geräumt, viele der Betroffenen sind traumatisiert und haben keine oder nur sehr geringe Entschädigungen für ihren gesamten Besitz erhalten. Weiteren Siedlungen droht ein ähnliches Schicksal: Sie müssen in den nächsten ein bis vier Jahren der Mine weichen. Den BewohnerInnen wird schon heute der Zugang zu ihrem Land durch Strassensperren verunmöglicht, die Stromversorgung wird häufig unterbrochen, und Arbeit ist rar. Hinzu kommen gesundheitliche Beschwerden wie Hautausschläge und Atemwegserkrankungen.

Massaker ungeklärt

Immer noch ungeklärt sind die Hintergründe des schweren Massakers an Wayúu–Indianern vom 18. April 2004 in Bahía Portete, bei dem 13 Frauen und Kinder von Paramilitärs brutal ermordet wurden. Es wird geschätzt, dass daraufhin zwischen 1000 und 3000 Wayúu-Indianer nach Venezuela flüchteten. Bahía Portete liegt in unmittelbarer Nähe des Hafens Puerto Bolívar, wo die Kohle verschifft wird, und es bestehen Pläne, in Bahía Portete einen Kohlehafen zu bauen. Verschiedene NGO sehen einen klaren Bezug zwischen dem Massaker und den Hafenplänen.

Zwischen dem 17. und 25. Januar 2007 werden zwei Betroffene aus Kolumbien in der Schweiz Vorträge zum Kohleabbau in der Guajíra halten. Organisiert wird diese Vortragsreihe von der Arbeitsgruppe Schweiz - Kolumbien.

Mehr unter --> http://www.askonline.ch