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Friday, 28 March 2008

Greis bleibt dran: Dritter Übergabeversuch des Public Eye Award an Glencore

Greis bleibt dran: Dritter Übergabeversuch des Public Eye Award an Glencore


Der Rapper Greis - Moderator des Public Eye - reist am 27.3.08 nach Baar, um Glencore den Swiss Award zu übergeben. Zusammen mit MultiWatch hat er für diesen dritten Übergabeversuch mobilisiert.
Neben Greis und MultiWatch wird auch Jo Lang, Nationalrat der Alternativen Zug, vor Ort von der Firma einfordern, sich öffentlich der Kritik zu stellen.

Glencore ist am diesjährigen Public Eye in Davos als Gewinnerin des Swiss Award auserkoren worden. "Preisgekrönt" wurde ihr unverantwortliches Verhalten in den kolumbianischen Kohleminen. Die Firmenleitung weigerte sich bis heute, den Preis entgegen zu nehmen.
Sie hat jedoch einen Vertreter der kolumbianischen Gewerkschaft Sintramienergética empfangen und versprochen, sowohl in Kolumbien wie auch in der Schweiz verhandlungsbereit zu sein.

Im April stehen in Kolumbien Verhandlungen von Gesamtarbeitsverträgen an. Anlässlich der Preisübergabe soll Glencore an ihre Versprechungen erinnert und aufgefordert werden, sich ernsthaft für die Umsetzung der Arbeits- und Gewerkschaftsrechte einzusetzen.

Treffpunkt: 27.3.08, 12.45 vor der Firma Glencore (Kreuzung Baarermattsstrasse und Grienbachstrasse) in Baar

Hintergrundinformationen, Forderungen und Informationen zur Anreise auf http://www.multiwatch.ch

Kontaktpersonen:

Greis: 078 633 24 22
MultiWatch: Marianne Aeberhard 079 624 29 44
Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien: Stephan Suhner 079 409 10 12

Thursday, 24 January 2008

Zum Besuch des kolumbianischen Präsidenten Alvaro Uribe in der Schweiz

Meine Liebe, mein Lieber

Heute leite ich folgende Nachricht der Fachstelle Menschenrechte von ask – Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien weiter -- sehr lesens- und bedenkenswert!!!


Pressemitteilung

Zum Besuch des kolumbianischen Präsidenten Alvaro Uribe in der Schweiz

Der kolumbianische Präsident Alvaro Uribe besucht zur Zeit Europa mit Regierungstreffen in Frankreich, Brüssel und der Schweiz und nimmt auch am Wirtschaftsforum in Davos teil.

Die Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien ask weist anlässlich dieses Besuches von Präsident Uribe auf folgende Punkte hin:

Obwohl Präsident Uribe den internen bewaffneten Konflikt in Kolumbien leugnet, ist der grösste Teil des Budgets 2008 für den Krieg bestimmt: 65% aller staatlichen Investitionen fliessen in die Armee und 81,2% aller Staatsbeamten sind Angestellte staatlicher Sicherheitsdienste.[1]

Die Konsequenzen des internen bewaffneten Konfliktes auf die Zivilbevölkerung sind verheerend: Kolumbien zählt 4 Mio. interne Vertriebene – Flüchtlinge im eigenen Land – und weist eine erschreckend hohe Zahl von Getöteten ausserhalb von Kampfhandlungen auf. Mehrere Tausend Personen wurden gewaltsam zum Verschwinden gebracht.

In den ersten vier Jahren der Regierung Uribe (2002-06) waren die Guerillagruppen für 25% dieser Morde verantwortlich (1'591 Opfer); die Paramilitärs – in offener Verletzung des Waffenstillstandes – waren für 61% (3'907 Opfer) und die Armee für 14% (908 Opfer) verantwortlich. Das heisst, dass 75% aller Morde ausserhalb von Kampfhandlungen durch die Armee und die mit ihr verbündeten paramilitärischen Verbände verübt wurden.[2]

Die ask verurteilt die schweren und permanenten Verletzungen des Humanitären Völkerrechts durch alle bewaffneten Akteure – Guerilla, Armee und Paramilitärs.

Die ask verurteilt die schweren Verletzungen des Humanitären Völkerrechts durch die Guerilla, so die Ermordung, Entführung von Zivilpersonen, die Rekrutierung von Minderjährigen und den Einsatz von Personenminen. Die ask betont, dass die Guerillagruppen als Konfliktparteien zur Respektierung des Humanitären Völkerrechtes verpflichtet sind und für dessen Verletzungen zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Die ask verlangt die sofortige und bedingungslose Freilassung aller Entführten durch die Guerilla.

Die dramatische Situation der Opfer des internen bewaffneten Konfliktes in Kolumbien – wovon das Drama der Entführten ein wichtiger Teil ist – verlangt die Aufmerksamkeit aller. Die ask verurteilt die Instrumentalisierung des Schmerzes der Opfer für politische Zwecke, egal von welcher Seite.

In Kolumbien herrscht praktisch eine totale und strukturelle Straflosigkeit. Menschenrechtsvergehen werden nicht geahndet. Die aktive, systematische und historische Mitbeteiligung zahlreicher Politiker und Parlamentarier von Parteien, welche Präsident Uribe unterstützen, von Regierungsbeamten, von breiten Kreisen der Armee und von Geheimdienstchefs bei Verbrechen der Paramilitärs müssten jede rechtsstaatliche Regierung zu einem exemplarischen Kampf gegen die Straflosigkeit verpflichten. Doch wir beobachten, wie die Regierung Anstrengungen und Erfolge des Obersten Gerichtshofes im Kampf gegen die Straflosigkeit mit äusserster Feindseligkeit begegnet. ZeugInnen, die gegen Chefs der Paramilitärs aussagen, werden systematisch eingeschüchtert und haben keinerlei Garantien. Mehrere Zeugen, die trotzdem aussagten, wurden ermordet.

Wir rufen die internationale Gemeinschaft und insbesondere die Schweizer Regierung auf:

Von der kolumbianischen Regierung und allen bewaffneten Akteuren die sofortige und vollständige Umsetzung der Menschenrechts-Empfehlungen der UNO zu verlangen.

Die zivilgesellschaftlichen Initiativen zur Stärkung des Rechtsstaates, zu einer politischen Verhandlungslösung des bewaffneten Konfliktes und für den Aufbau eines stabilen, dauerhaften und gerechten Friedens mit sozialer Gerechtigkeit und einem funktionierenden Rechtsstaat zu unterstützen und zu stärken

Die Verhandlungsbemühungen für ein humanitäres Abkommen und zur Aufnahme von Friedensverhandlungen im Rahmen des Internationalen Rechtes zu intensivieren.

Luzern, 24. Januar 2008 Arbeitsgruppe Schweiz–Kolumbien ask

Bruno Rütsche

Für Auskünfte und nähere Informationen:

Arbeitsgruppe Schweiz – Kolumbien ask, Bruno Rütsche, Tel. 041 210 64 68,
mail:
fachstelle.luzern[at]askonline.ch

Internet: www.askonline.ch



[1] Quelle: Portafolio 14. August 2007 El Tiempo, zitiert von José Fernando Isaza Delgado und Diógenes Campos Romero in Algunas consideraciones cuantitativas sobre la evolución del conflicto en Colombia, Dezember 2007

[2] Kolumbianische Juristenkommission, Colombia 2002-2006: Situación de derechos humanos y derecho humanitario, Seite 3

Tuesday, 8 January 2008

Kolumbien: Was wir von hier aus tun können...

Liebe Leute

Zu allererst: Ganz herzlich gute Wünsche fürs noch junge Jahr 2008! Möge es uns allen Friede, Freude und gute Gesundheit bringen. Natürlich wünsche ich dies nicht nur uns hier in Europa und der Schweiz, sondern ganz besonders all jenen Menschen, die von ihren Regierungen, von paramilitärischen Kräften, Rebellenverbänden oder von ganz "schlichten" Verbrecherbanden drangsaliert werden.

Hier eine Idee, wie wir in der Schweiz konkret Druck auf eine Firma setzen können, die sich bisher ziemlich feige taub gestellt hat:

Mitte März 2007 hat sich die grosse US-Bananenfirma Chiquita mit den US-Justizbehörden auf die Zahlung eines Strafgeldes von 25 Millionen US-Dollar geeinigt, denn Chiquita hat zugeben müssen, zwischen 2001 und 2004 rund US-$ 1,7 Mio. an die Paramilitärs gezahlt zu haben. Die Zahlungen – sogenannte "Schutzgelder" - waren allerdings schon seit 1997 erfolgt, wurden aber in den USA erst ab 2001 strafbar, als die Paramilitärs im Nachgang zu 9/11 auf die Liste von terroristischen Organisationen gesetzt wurden.

Inzwischen haben auch Opfer Klagen eingereicht.

Was jedoch bei den oben erwähnten Verhandlungen nicht thematisiert wurde, aber gesichert feststeht, ist die Tatsache, dass Chiquita in einen grossen Waffendeal mit den Paramilitärs verwickelt war und mindestens ihre Infrastruktur dafür zur Verfügung stellte, z.B. indem die leeren Bananenschiffe mit Waffen und Munition beladen nach Kolumbien zurück gefahren sind und der grosse Hafen von Chiquita an der kolumbianischen Pazifikküste als Umschlagplatz diente.

Nun ist die Migros der grösste Handelspartner von Chiquita in der Schweiz. Rund die Hälfte der Bananen in Migros-Gestellen tragen das Chiquita Label.

Eine kleine, aber wichtige Nichtregierungsorganisation (NRO), die ask–Arbeitgruppe Schweiz-Kolumbien, hat daher Migros angefragt, wie sie die weitere Zusammenarbeit mit Chiquita mit ihren Firmengrundsätzen (sozial-ökologisch, Mitglied des Global Compact) vereinbaren kann, und Migros aufgefordert, ganz auf Max-Havelaar Bananen zu setzen und ihre Zusammenarbeit mit Chiquita zu überprüfen. Die Migros ist jedoch zu keinerlei Dialog bereit und hat völlig nichtssagende Antworten gegeben, die absolut unbefriedigend sind.

Aufgrund der Bedeutung von Migros als wichtigstem Detailhändler, ihrer Geschichte und ihrer sozialen Verantwortung scheint es nicht nur der ask wichtig, dies auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Ich veröffentliche diese Angaben auf meinem Blog mit dem Einverständnis der ask.

Ich überlasse es gerne der Leserin, dem Leser dieses Blogs, ihre und seine eigenen Schlüsse zu ziehen und auf den Kauf von Chiquita-Bananen zu verzichten (die übrigens nicht nur in Migros-Gestellen liegen). Persönlich kaufe ich schon lange nur noch Max-Havelaar-Bananen.

Alle Informationen, auch den Briefwechsel zwischen ask und Migros, befinden sich unter http://www.kolumbien-aktuell.ch/aktuell.htm

Tuesday, 4 December 2007

Brot statt Treibstoff -- Buchhinweis

Meine Lieben

Es kann nicht oft genug gesagt werden: wir müssen die kommende Energieknappheit mit vielen verschiedenen Mitteln lösen. Am allerwichtigsten ist das Einsparen von unnütz verschwendeter Energie: zuviele Kähne, Laster, Flugzeuge und Autos fahren praktisch leer umher. Zuviele Häuser heizen die Aussenluft. Zuviel Nahrung wird wohl zubereitet, aber nicht gegessen. Zuviele Menschen essen viel zu viel, während andere hungern.
Einer der grössten Skandale unserer Zeit ist aber, dass Agrarprodukte für Autotanks statt Teller produziert werden:
Vom Getreide, das benötigt wird, um den 100 Liter-Tank eines Geländewagens zu füllen, kann sich ein Mensch ein Jahr lang ernähren!

Heute habe ich von www.regenwald.org folgende Nachricht erhalten:

*****
29. November 2007 -- http://www.net-tribune.de/article/291107-196.php

Evangelisches Hilfswerk gegen Bio-Treibstoffe [ich hätte lieber "Agro-Treibstoffe" gelesen]

Kassel - Das evangelische Hilfswerk «Brot für die Welt» hat vor wachsendem Hunger durch den zunehmenden Anbau von Energiepflanzen gewarnt. «Nahrungsmittel werden immer häufiger zur Sättigung des weltweiten Rohstoffhungers missbraucht», sagte die Direktorin des Hilfswerks, Cornelia Füllkrug-Weitzel, am Mittwoch bei der Vorstellung der diesjährigen Adventsaktion von «Brot für die Welt» in Kassel. Dies gefährde die Ernährung von Millionen Menschen.

Füllkrug-Weitzel sagte, nach Schätzungen von Experten werde die Zahl der Hungernden bis 2025 von derzeit 854 Millionen auf 1,2 Milliarden Menschen steigen, wenn weiterhin Nahrungsmittel als Treibstoffe eingesetzt werden: «In Indonesien, Kolumbien und Brasilien werden Regenwälder abgeholzt, um Platz für Palmöl- und Zuckerrohrplantagen zu schaffen.» Dies zeige deutlich, dass der Klimaschutz nur als Feigenblatt für das globale Wettrennen um Energie diene.

Dass Nachsehen hätten in dieser Situation oft die Kleinbauern, kritisierte die Direktorin. Sie müssten immer häufiger mit multinationalen Agro-Unternehmen um Land, Wasser und Märkte konkurrieren. Schutz und Förderung der bäuerlichen Landwirtschaft aber seien für die Ernährung der Menschheit unverzichtbar. «Brot für die Welt» unterstütze daher Kleinbauern in den Entwicklungsländern, damit diese durch nachhaltige und ökologische Landwirtschaft ihre Erträge steigern und neue Märkte erschließen könnten.

Die diesjährige Adventsaktion von «Brot für die Welt» steht unter dem Motto «Gottes Spielregeln für eine gerechte Welt». Die Aktion wird am kommenden Sonntag mit einem Gottesdienst in Marburg eröffnet.

HINWEIS AUF DAS BUCH

Volle Tanks - leere Teller. Der Preis für Agrotreibstoffe: Hunger, Vertreibung, Umweltzerstörung

Mit dem Getreide, das benötigt wird, um den 100 Liter-Tank eines Geländewagens zu füllen, kann ein Mensch ein Jahr ernährt werden.

Ob es ethisch zu rechtfertigen ist, Nahrungsmittel in Treibstoff umzuwandeln, ist eine der Fragen, die das Buch "Volle Tanks - leere Teller" aus der Reihe caritas international - brennpunkte aufwirft. Die von der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten forcierten "Agrotreibstoffe" haben in der Agrar-Branche Goldgräberstimmung aufkommen lassen.
Das gilt auch für die Dritte Welt, wo derzeit Plantagen gigantischen Ausmaßes entstehen. Die Konsequenzen sind verheerend: Verlust der Biodiversität, Anheizen des Weltklimas und Hunger. Die Buchautoren ergründen Ursachen und Wirkungen dieses Geschehens mit Analysen und Reportagen von den Brennpunkten.

Volle Tanks - leere Teller. Der Preis für Agrokraftstoffe: Hunger, Vertreibung, Umweltzerstörung
Wolfgang Hees, Oliver Müller, Matthias Schüth (Hrsg.)
caritas international - brennpunkte 2007, ca. 200 Seiten, mit vierfarbigen Abbildungen
EUR 25,00/SFr 43,90 ISBN 978-3-7841-1791-1
bei [...] http://www.lambertus.de
****

Die Hervorhebungen im obigen Text sind von mir.

Thursday, 29 November 2007

Mit Vollgas in den Hunger – Brot statt Agrotreibstoffe, zum Zweiten

Meine Liebe, mein Lieber

Im Folgenden möchte ich Dir/Euch erklären, weshalb ich stolz darauf bin, zu ask! – Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien – zu gehören und an unserer am 21.11.07 lancierten Kampagne gegen Agrotreibstoffe mitzuwirken.

Mit ausdrücklicher Genehmigung des Verfassers stütze mich dabei ausgiebig auf einen Text von Bruno Rütsche, Fachstellenleiter Menschenrechte der ask!


„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ – „Jeder Mensch hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.“ – „Jeder Mensch hat das Recht auf ausreichende Ernährung, Bekleidung und Wohnung sowie auf Gesundheitsfürsorge und das Recht auf Bildung und Teilhabe am kulturellen Leben.“

Sicher kommen Ihnen diese Sätze bekannt vor. Sie sind Teil der Allgemeinen Menschenrechte, auf die alle Menschen, unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Sprache, Religion oder Nationalität Anspruch haben. Die Menschenrechte – 1948 nach dem Schrecken des 2. Weltkrieges proklamiert – sind heute so visionär wie damals. Denn uns allen ist klar, wie weit wir von der Utopie entfernt sind, dass alle Menschen gleich an Würde und Rechten sind. Utopien haben aber eine grosse Kraft. Sie sind wie Leitsterne, deutliche Ziele, die wir uns vor Augen halten und an die wir uns erinnern. Die Menschenrechte können nicht genug betont werden – denn sie machen klar, dass nationaler Egoismus, Rassismus, Diskriminierung aufgrund von Nationalitäten, Herkunft, Religion oder Geschlecht ein Verstoss gegen die unveräusserliche Würde und die Rechte eines jeden Menschen sind.

„Mit Vollgas in den Hunger – Brot statt Agrotreibstoffe“. So lautet der Slogan einer Kampagne, die die Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien ask – unterstützt von zahlreichen weiteren Organisationen – am 21. November 2007 gestartet hat. Was hat dies mit Menschenrechten zu tun? werden Sie sich fragen. Sehr viel. Doch lassen Sie mich erzählen:

Vom 15. bis 23. Februar 2007 fand im Nordwesten Kolumbiens eine „ökologische Pilgerreise“ zum Schutz der einheimischen Gemeinschaften statt. Afrokolumbianische und indigene Organisationen und die kirchliche Menschenrechtsorganisation Justicia y Paz – Gerechtigkeit und Friede – hatten dazu eingeladen. Auf dieser Pilgerreise befanden sich auch internationale Teilnehmer – darunter auch zwei Mitglieder der Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien ask.

Anlass der Pilgerreise bildete der 10. Jahrestag der Operation „Genesis“. Entgegen ihrem Namen hatte diese Militäroperation nichts mit Schöpfung zu tun, sehr viel aber mit Vernichtung und Mord.

Zahlreiche Zivilpersonen verloren bei der Bombardierung der Dörfer ihr Leben. Unter dem Vorwand des Kampfes gegen die aufständische Guerilla wurden über 20'000 Zivilpersonen – Kinder, Jugendliche, Frauen, Männer, Betagte – gewaltsam und brutal von ihrem Land vertrieben.

Nach der Vertreibung wurde deutlich, dass es die Armee nicht in erster Linie auf die Guerilla abgesehen hatte, sondern dass hinter der Vertreibung handfeste wirtschaftliche Interessen standen. Denn als die ursprüngliche Bevölkerung weg war, wurde ihr Land illegal in Besitz genommen. Tausende von Hektaren Regenwald wurden abgeholzt und riesige Flächen mit industriell angelegten Zuckerrohr- und Ölpalmplantagen bebaut. Wo früher kleinbäuerliche, der Umwelt angepasste Landwirtschaft inmitten des Regenwaldes betrieben wurde, dehnt sich jetzt eine endlose, monotone „grüne Wüste“ mit Ölpalmen in Reih und Glied aus. Bewaffnete paramilitärische Gruppen bewachen gemeinsam mit dem Militär die Plantagen.

Trotz des Landraubs und massiver Einschüchterungen kehrten einige Gemeinschaften wieder in die Region zurück und verlangten die Rückgabe ihres rechtmässigen Landes. Zum Schutz und zum Zeichen ihres friedlichen Widerstandes gegen den Krieg und die Zerstörungen der Agrounternehmen erklärten sie sich zu „humanitären Zonen“.

Die Pilgerreise wollte nicht nur an das Leiden erinnern, das die Militäraktion 1997 auslöste. Die Pilgerreise wollte vor allem auf die schwierige Situation der Gemeinden aufmerksam machen und ihren gewaltlosen Kampf um ihre Landrechte unterstützen.

Erste Station war nach einer langen und beschwerlichen Busfahrt die Familie Rentería. Sie war im April 2006 zurück gekehrt und versucht nun, dem Boden wieder Leben einzuhauchen. In einem symbolischen Akt pflanzten wir gemeinsam mit der Familie zehn verschiedene Nahrungspflanzen – für jedes Jahr der Vertreibung eine Pflanze.

Zweite Station war nach etwa einer Stunde Fussweg der Bauernhof von Enrique Petro. Enrique Petro weigert sich standhaft, sein Land zu verlassen – trotz des massiven Drucks der grossen Palmenanbaugesellschaft Urapalma, der Ermordung seines Sohnes und der Drohungen gegen sein Leben durch die paramilitärischen "Schwarzen Adler". Von seinen rund 130 Hektaren Land konnte er etwa 30 Hektaren vor der Bepflanzung mit Ölpalmen retten. Die kleinen Felder mit Bohnen, Yucca, Chili, Zuckerrohr, Bananen und vielen anderen Pflanzen für die tägliche Ernährung erscheinen wie eine Oase in der Eintönigkeit der Ölpalmplantagen.

Eine weitere Station war El Tesoro. Hier war Orlando Valencia, einer der Repräsentanten der Gemeinden dieser Region, im Oktober 2005 in Komplizenschaft mit der Polizei verschleppt und ermordet worden. In den Gedenkakt am Abend vermischte sich die traurige Erinnerung an vielfach erlittenes Leid und Unrecht mit der Freude und der Dankbarkeit der Bevölkerung von El Tesoro über unseren Besuch.

Was aber hat nun dies mit einer Kampagne mit dem Titel „Mit Vollgas in den Hunger – Brot statt Agrotreibstoffe“ zu tun?

Dieser Landraub ist nur ein Beispiel. In Kolumbien haben sich bewaffnete Gruppen mit der Unterstützung von Armee und staatlichen Sicherheitskräften und der Zustimmung von Politikern Millionen von Hektaren fruchtbares Land gewaltsam angeeignet. Darauf werden nicht mehr Nahrungsmittel für die Menschen angebaut, sondern für die Produktion von Treibstoffen. Menschen werden gewaltsam vertrieben. In Kolumbien sind rund 4 Mio. Menschen im eigenen Land zu Flüchtlingen geworden und haben alles verloren. Entrechtet, entwurzelt und entwürdigt leben sie in Elendsvierteln der Städte. Zum Verlust ihres Landes kommt die Zerstörung ihrer sozialen und kulturellen Identität und die permanente Angst vor weiterer Verfolgung. Traumatisiert, gemieden und stigmatisiert fristen sie ein Dasein unter aller Menschenwürde. Und dies unter anderem, weil ihr Land für den Anbau von Nahrungsmitteln verwendet wird, die nicht auf den Teller der Hungernden kommen, sondern in die Tanks der Fahrzeuge der Reichen. Brot stillt nicht mehr den Hunger. Brot treibt Autos an. Die Menschen hungern.

Auf mehreren Millionen Hektaren Land will die kolumbianische Regierung Ölpalmen anbauen. Die Ölfrucht wird dann zu Agrodiesel verarbeitet. Diese Politik hat grauenhafte Folgen: Vertreibung, Menschenrechtsverletzungen, Landraub, Abholzung, Zerstörung der Artenvielfalt, Hunger. Und ein gieriges Gesicht: Reichtum und Einkommen für Wenige. Die Folgen sind bereits spürbar: Panela, ein Grundnahrungsmittel der Armen aus Rohzucker, ist massiv teurer geworden, da immer mehr Zuckerrohr zu Treibstoff – Ethanol – verarbeitet wird. In Mexiko kam es zu grossen Protesten, da der Mais um ein Vielfaches teurer wurde. Denn die Verarbeitung zu Treibstoff bringt den Maisbauern in den USA mehr ein, als der Verkauf als Lebensmittel. Zur Herstellung einer Tankfüllung aus Mais braucht es die Menge, von der ein Mensch sich ein Jahr lang ernähren könnte. Hunger in Mexiko – volle Tanks in den USA.

Es gibt viele weitere Beispiele. In Indonesien und Malaysia werden Millionen von Hektaren unberührter Regenwald – eigentliche Lungen der Erde – abgebrannt, um Platz für den industriellen Anbau von Pflanzen zu schaffen, die nie auf einen Tisch gelangen und die nie den Hunger eines Menschen stillen werden. Sie werden in den Tanks der Autos landen... Dort wird das Ziel von Treibstoffen aus Agrarprodukten – nämlich die Reduktion der CO2-Emissionen – vollends auf den Kopf gestellt, denn das Abbrennen produziert ungeheure Mengen an CO2.

Unser tägliches Brot gib uns heute, beten wir im Unser Vater. Soll nun Brot Autos antreiben, während immer mehr Menschen hungern? Sollen fruchtbares Land und Regenwald in endlose Monokulturen genveränderter Pflanzen verwandelt werden, nur damit der Treibstoffhunger der Reichen befriedigt werden kann?

Brot ist ein Lebensmittel. Und Lebensmittel gehören auf den Tisch. Jesus lehrt uns auch vielfach, Brot zu teilen. Und im Abendmahl nimmt er Brot als Symbol seines Lebens, seiner Hingabe und seiner Aufopferung. Brot – Symbol für Nahrung und Leben schlechthin. Und jetzt sollen Weizen, Mais, Zuckerrohr, Ölpalmen, Yucca und viele andere Nahrungsmittel nicht mehr dem Menschen als Nahrung dienen, nicht mehr gemeinsam geteilt werden. Nein, jetzt sollen sie in Tanks verbrannt werden, damit Autos ein paar Kilometer zurück legen können.

Verstehen Sie jetzt, warum wir unserer Kampagne den Titel gegeben haben „Mit Vollgas in den Hunger – Brot statt Agrotreibstoffe“?

„Jeder Mensch hat Recht auf ausreichende Ernährung.“ So heisst es in der Erklärung der Menschenrechte. Diese Worte sind aktueller den je!

© Bruno Rütsche, leicht redigiert von Margret Powell-Joss


Mehr zum Thema Agrotreibstoffe findet sich auf http://www.agrotreibstoffe.ch

Thursday, 22 November 2007

Agrotreibstoffkampagne lanciert -- Lokalradio RaBe hat berichtet

Meine Lieben

Hier ist mein Transkript eines Radiointerviews mit Stephan Suhner, Fachstellenleiter der ask! – Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien, vom vergangenen Mittwoch Abend -- ich veröffentliche es hier mit Erlaubnis der Beteiligten:

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© Berner Lokalradio Radio RaBe und ask! Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien/MPJ, November 2007:

RaBe Abendinfo, 21. November 2007
zum Nachhören: http://www.rabe.ch/ -> Info

Kampagne gegen Biotreibstoffe lanciert [6:00 – 10:55]
Bericht und Interview: Cheyenne Mackay Loosli, Radiojournalistin RaBe

Biotreibstoffe werden eigentlich als die umweltfreundliche Alternative zu fossilen Treibstoffen, wie z.B. Öl und Benzin, angepriesen. Doch seit Längerem äussern sich auch kritische Stimmen. Biotreibstoffe seien keine wirkliche Alternative, sie verlagern nur das Problem. Heute wurde eine Kampagne gegen Biotreibstoffe gestartet.

[RaBe:] Die Kampagne gegen Agrotreibstoff, auch Biotreibstoff genannt, kommt von der Menschenrechts-Organisation Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien, kurz ask! Es spreche sehr viel dagegen, Biotreibstoffe einzusetzen. Stephan Suhner ist Fachstellenleiter bei der ask; er fasst zusammen:

[RaBe:] Die Kampagne gegen Agrotreibstoff, auch Biotreibstoff genannt, kommt von der Menschenrechts-Organisation Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien, kurz ask! Es spreche sehr viel dagegen, Biotreibstoffe einzusetzen. Stephan Suhner ist Fachstellenleiter bei der ask; er fasst zusammen:

[Suhner:] "Da ist eine fragwürdige Klima- und Umweltbilanz, da sind grosse Probleme mit der Ernährungssouveränität in vielen Gebieten der Welt. Es gibt Probleme mit Menschenrechtsverletzungen, Vertreibungen von Kleinbauern, Übernutzung der Böden, Wasserknappheit – man könnte Dutzende von Argumenten dagegen aufzählen."

[RaBe:] Im Moment werden Biotreibstoffe vor allem aus Nahrungsmitteln hergestellt. Dazu gehören Raps, Zuckerrüben, Soja, Zuckerrohr, Weizen oder Roggen.
[Suhner:] "Oder es sind Produkte, die sonst in der Nahrungskette entzogen werden und zum Teil auch zu Verdrängungen führen, wo dann halt wieder andere Produkte, die auch für die Ernährung gebraucht werden, auch knapper und teurer werden. Es ist so, dass in vielen Fällen die Preise, die für Mais zum Beispiel bezahlt werden, der in die Äthanolproduktion fliesst, höher ist als der Preis, der zum Beispiel auf lokalen Märkten erzielt werden kann und dann dort der Ernährung der Bevölkerung dienen würde. Es gibt eine Konkurrenz, kann man sagen, zwischen Teller und Treibstofftank."

[RaBe:] Speziell in Kolumbien sei es so, dass der Anbau von Biotreibstoffen von der Regierung massiv gefördert werde. das heisst, die Regierung gewährt Vergünstigungen und Kredite und betreibt eine enge Zusammenarbeit mit den USA.
[Suhner:] "Es ist eigentlich für den ländlichen Raum das dominante, oder fast einzige Entwicklungsprojekt, das sie haben. Betroffen sind davon insbesondere Afrokolumbianer und Indigene – Indianerstämme. Ihre Territorien sind bisher relativ der Entwicklung verschlossen geblieben und sollen nun benutzt werden, um im grossen Stile Ölpalmen für die Dieselproduktion anzubauen oder auch Zuckerrohr, Yucca oder Kassava aus Afrika, um Äthanol zu produzieren."

[RaBe:] Laut der ask! fördern die weltweiten Gesetze zu den vorgeschriebenen Anteilen an Biotreibstoffen die negative Entwicklung. Auch die Schweiz leiste da ihren Beitrag:
[Suhner:] "Die Schweiz ist daran, eine Verordnung auszuarbeiten, die das Mineralölsteuergesetz regelt. Im Mineralölsteuergesetz wird die Steuerbefreiung von Agro- oder – wie es im Gesetz steht – Biotreibstoffen geregelt. Wir konnten erreichen, im Verbund mit anderen Entwicklungs- und MR-Organisationen, dass nebst einer Ökoklausel auch eine Sozialklausel ins Gesetz aufgenommen wurde. Das heisst, die Steuerbefreiung kommt nur bei einer positiven ökologischen Gesamtbilanz und wenn soziale Produktionskriterien beachtet werden."
[RaBe:] Nun sei das Problem, dass man nicht wisse, wie das auf Verordnungsebene umgesetzt werde. Es herrscht Ungewissheit:
[Suhner:] "Ein erster Entwurf hat die sozialen Kriterien rausgekippt. Und nun sagt man uns, dass diese sozialen Kriterien aufgenommen worden seien. Wir haben aber keine Ahnung, wie sie aufgenommen wurden, und die Verwaltung ist im Moment nicht bereit, diesen Verordnungsentwurf uns zugänglich zu machen."

[RaBe:] Biotreibstoffe sollen eigentlich die Reduktion von Treibhausgasen unterstützen und Treibstoffe wie Öl ersetzen, deren Vorrat zur Neige geht. Laut der ask und anderen Orgsanisationen schaden die Biotreibstoffe der Umwelt aber auch. Mit wenigen Ausnahmen:
[Suhner:] "Es gibt Agrotreibstoffe, die unter dem Klimaaspekt, sagen wir jetzt die Einsparung von Treibhausgasen, relevant sein können, aber zum Teil andere Umweltauswirkungen haben wie Wasserverschmutzung, Bodenversauerung. Es muss einfach sehr, sehr genau geschaut werden, welche Agrotreibstoffe überhaupt sinnvollerweise eingesetzt werden – wenn überhaupt. Wir sind eigentlich grundsätzlich sehr skeptisch und sind nur bereit, gewisse Treibstoffe zu akzeptieren, wenn sie wirklich strenge Umweltauflagen und vor allem strenge soziale und Menschenrechtskriterien akzeptieren und auch wirklich einhalten."

[RaBe:] Also aus Eurer Sicht sollte man beim Benzin bleiben, zum Beispiel für die Autos.
[Suhner:] "Plakativ gesagt, ist heute das Benzin im Moment die weniger schlimme Alternative. Aber es ist ganz klar, dass wir mit unserem heutigen Energie- und Treibstoffverschleiss nicht weiterfahren können. Es braucht ganz bestimmt ein alternatives Mobilitätskonzept."

[RaBe:] Die Kampagne gegen Agrotreibstoffe von der Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien hat eine Homepage. Mehr Informationen sind zu finden unter www.agrotreibstoffe.ch
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© Berner Lokalradio Radio RaBe und ask! Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien/MPJ, November 2007

Mit Vollgas in den Hunger – Brot statt Agrotreibstoffe!

Heute hat die ask! Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien mit einer Pressekonferenz in Bern die Kampagne gegen Agrotreibstoffe eröffnet.

Alle Informationen dazu und noch viel mehr findet Ihr / findest Du unter
http://www.agrotreibstoffe.ch


Ich hatte die Ehre, für unseren Besucher aus Kolumbien zu dolmetschen: Dr. Jesús Alfonso Flórez López ist Leiter der Pastoral Indígena von Quibdó, Kolumbien. Er ist Anthropologe, Universitätsprofessor, Pastor, ...
Gestern hat er in der Schweiz eine wichtige Studie vorgestellt: Report on Economic, Social and Cultural Rights of the indigenous and Afro-Colombian communities of the Colombian Pacific Coast. / Informe sobre los Derechos Económicos, Sociales y Culturales de las comunidades indígenas y afrocolombianas de la Costa Pacífica colombiana (Nov. 2007, con apoyo de MISEREOR y la asesoría de FIAN).

Der Bericht ist faktisch eine Gegendarstellung der katastrophalen Situation der Kleinbauern (vor allem Indigene und AfrokolumbianerInnen) an der kolumbianischen Pazifikküste zu Handen der UNO-Kommission für Wirtschaftliche, Soziale und Kulturelle Rechte (UNCESCR – UN COMMITTEE ON ECONOMIC, SOCIAL AND CULTURAL RIGHTS) zum kolumbianischen Regierungsbericht von 2006.

(Das UNCESCR tagt noch bis übermorgen in Genf: http://www.ohchr.org/spanish/)


Weitere Informationen und Vorschläge zum Thema Agrotreibstoffe und wie die drohende Energielücke geschlossen werden könnte, finden sich auf
http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/raps-ist-nicht-die-loesung/?src=HL&cHash=09295bc764

Hier der Titel aus der TaZ vom 19.11.2007:
Nachhaltigkeit geht anders -- Raps ist nicht die Lösung
KOMMENTAR VON TOBIAS MÜNCHMEYER*)

*) TOBIAS MÜNCHMEYER, geboren 1968 in Bielefeld, studierte Politikwissenschaft und ist derzeit stellvertretender Leiter der Politischen Vertretung von Greenpeace in Berlin. Er ist dort vor allem für den Bereich Energie- und Klimapolitik zuständig.
***

In seinem Kommentar kritisiert Münchmeyer einen Debattenbeitrag von Bärbel Höhn: Biosprit muss nicht schädlich sein. Der findet sich unter http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/biosprit-muss-nicht-schaedlich-sein/?src=SE&cHash=5a6d3b6b91

Monday, 8 January 2007

Buenaventura: Eine vom Schweigen belagerte Stadt

Kolumbien – Monatsbericht

Januar 2007 No. 1/2007



Buenaventura: Eine vom Schweigen belagerte Stadt



Von Bruno Rütsche



Buenaventura ist die wichtigste kolumbianische Hafenstadt am Pazifik. Ein enormer Reichtum fliesst durch den Hafen. Durch die Stadt selbst zieht sich aber eine Spur des Elendes, der Gewalt und der Korruption. Angesichts der Schutzlosigkeit der Bevölkerung gegenüber den Bewaffneten – Paramilitärs, Armee und Guerilla – wagt kaum jemand das Schweigen zu brechen und die unzähligen Verbrechen anzuklagen.



Ein verzweifelter Aufruf...


„Gestern, als ich in der Sonntagsmesse das Evangelium zu lesen begann, bemerkten wir rasche Bewegungen auf der Strasse. Wir schlossen die Türe und hörten Schüsse aus Maschinenpistolen. Einige Schüsse drangen durch die Gitter in die Kirche ein. Wir warfen uns alle zu Boden und krochen zum Pfarrhaus... Etwa eine Stunde später verliessen die Gläubigen das Pfarrhaus und getrauten sich auf die menschenleeren Strassen. Es war ein Gefecht zwischen Guerilla und der Polizei.

Am darauf folgenden Samstag verletzten die Paramilitärs nach der Messe drei Passanten. Zwei davon sollen gestorben sein, der dritte, ein geistig Behinderter mit dem Spitznamen ‚Der Denker’, hat bis jetzt die Operationen überlebt.

Und vor acht Tagen, als die MalerInnen von San Cipriano ein wunderschönes Wandgemälde malten, wobei viele Kinder ihnen zuschauten, wurden auf einer Seite der Kirche zwei Männer getötet, welche seit dem Morgen bewaffnet da waren und zusammen mit anderen tranken... Ich hatte eine halbe Stunde zuvor die Polizei angerufen, doch sie war nicht gekommen.

So ‚feiern’ wir den Advent. Heute gibt es keine Messe, die Kirche bleibt geschlossen, das Pfarreibüro verriegelt, denn man hat uns gewarnt und gesagt, dass diese Nacht das Morden weiter geht.... Alle Strassen des Stadtviertels Lleras sind verlassen und alle Häuser und Läden verschlossen...

Wir werden sehen, wie dies weiter geht. In diesen Vierteln sind beide Gruppen (Paramilitärs und Guerilla) präsent und das Meer hat Ebbe in diesem umstrittenen Gebiet, das sich derart für den Drogenhandel eignet.“ Dies sind die verzweifelten Worte des Priesters Ricardo Londoño, Pfarrer des Viertels Lleras.


...und Todesdrohungen gegen den Bischof


Am 26. Oktober 2006 besuchte Präsident Uribe Buenaventura und nahm dort an einem Sicherheitsrat teil. Der Besuch des Präsidenten begann mit einem Eklat: Er forderte Chipantiza, den Sekretär des Bürgermeisters von Buenaventura auf, den Saal zu verlassen und beschuldigte ihn, versucht zu haben, den Militärkommandanten zu bestechen und zur Rückgabe einer konfiszierten Drogenladung zu bewegen. Chipantiza wurde sofort verhaftet, wenig später aber aufgrund einer fehlenden Anklage aus der Haft entlassen. – Am gleichen Anlass klagte der Bischof von Buenaventura, Monseñor Héctor Epalza, die Korruption der Sicherheitskräfte und ihre Verbindungen mit dem Drogenhandel an. Er sagte damit öffentlich, was alle längst wissen. Wenige Tage später sah er sich aufgrund der Todesdrohungen gezwungen, die Stadt zu verlassen. Erstaunlicherweise führte dies auch in kirchlichen Kreisen zu keinen Protesten. Auch die Bischofskonferenz blieb still und machte sich damit zur schweigenden Komplizin. – Wenn selbst ein Bischof aufgrund einer Aussage flüchten muss, um sein Leben zu retten, was haben dann einfache BürgerInnen zu erwarten, die sich getrauen, Anklagen zu erheben?

Keine Zeit für die Flucht liessen die Mörder Deisi Ruth Calonge, die bei der lokalen Ombudsstelle zuständig für die Rechte der Familien war. Die Frau wurde in ihrem Büro am 11. September 2006 ermordet. Sie hatte sich geweigert, die Freilassung von drei Jugendlichen zu veranlassen, wie es eine bewaffnete Gruppe von ihr gefordert hatte.


Vom Reichtum des Hafens bleibt nichts in der Stadt


Durch den Hafen Buenaventuras fliesst 46% des Aussenhandels. Im Jahr 2005 wurden 11 Mio. Tonnen Güter im Überseehafen verladen. 1'600 Frachter löschten im gleichen Jahr ihre Fracht und wurden mit Exportgütern beladen. Selbst die 3'000 bis 4'000 Hafenarbeiter können kaum von ihrem Lohn leben und die Arbeitsbedingungen sind hart und gefährlich. Seit der Privatisierung des Hafens im Jahr 1994 sind 24 Arbeiter bei Unfällen oder aufgrund eines natürlichen Todes während der Arbeit gestorben und über 60 Arbeiter erlitten bleibende Behinderungen. Es kam in dieser Zeit zu mehr als 350 Arbeitsunfällen. Keine der betroffenen Familien erhielt eine Entschädigung. Am meisten verdienen die Kranführer mit Löhnen zwischen rund 500'000 – 800'000 Pesos (220 – 350 US$) in 14 Tagen, wobei allerdings wieder über 100'000 Pesos Abzüge kommen. Ihnen folgen die Träger mit rund 300'000 – 400'000 Pesos in 14 Tagen, welche mit purer Körperkraft die Fracht ein- und ausladen. Doch viele Arbeiter kommen nicht einmal auf 200'000 Pesos, womit sie unter dem gesetzlich vorgeschriebenen Minimallohn bleiben.

Rund 2'000 Sattelschlepper befahren täglich die Strasse von Buenaventura nach Cali, beladen mit Gütern für den Export oder importierten Waren. Doch von diesem Reichtum ist nichts sichtbar in dieser feuchtheissen Stadt am Pazifik. Die Stadtviertel wuchern ohne jede Planung an den Rändern der Stadt in den Urwald hinein. Armselige Siedlungen, oft ohne fliessendes Wasser, Abwasserentsorgung und Strom. Bei einigen Invasionen haben die Paramilitärs ihre Hände im Spiel. Vor allem wenn es um Gebiete geht, welche an das Meer angrenzen. Rund 500'000 EinwohnerInnen zählt die Stadt nach offiziellen Angaben. Verlässliche Quellen geben zu bedenken, dass rund ein Fünftel der BewohnerInnen bei der Volkszählung gar nicht erfasst wurde. Auf 10'000 EinwohnerInnen kommen zwei Ärzte; ein Fünftel der BewohnerInnen sind Analphabeten und die Lebenserwartung in der Stadt beträgt ganze 51 Jahre.

Rund 60% der arbeitsfähigen Bevölkerung ist arbeitslos. Da ist die Versuchung gross, sich im Drogenhandel etwas zu verdienen. 300'000 Pesos (rund 130 US$) werden für den Transport von chemischen Substanzen angeboten, die zur Herstellung von Kokain benötigt werden. Eine Million Pesos (rund 438 US$) gibt es für den Transport von Kokain auf die im Hafen ankernden Schiffe und 20 Mio. Pesos (rund 8753 US$) für die Fahrt in Schnellbooten nach Mexiko und Guatemala, den wichtigsten Bestimmungsorten des Kokains. „Die Jungen verkaufen ihr Herz für ein paar Pesos an die Drogen. Das Traurigste daran ist, dass sie dabei nicht einmal reich werden. Sie sind nur das Glied in dieser Drogenkette, welches am meisten riskiert – das Leben – und am wenigsten verdient“, klagt eine Mutter, deren Sohn vor einem halben Jahr getötet wurde.[i]


Der Kampf um die Kontrolle der Stadt: Ein Genozid


Nach Aussagen von sozialen Organisationen sind seit 1998 über 4'000 Menschen in Buenaventura ermordet worden. 1998 hatte ein Zivilstreik den Hafen fünf Tage lang lahm gelegt. Der Streik richtete sich gegen die unhaltbare soziale Situation der Stadt und die hohe Verschuldung. Ein mit der Regierung vereinbartes Abkommen sah u.a. die Schaffung von Arbeitsplätzen und Schulen und die Verbesserung der Infrastruktur vor. Bitter vermerkt eine soziale Führungsperson: „Wäre das mit der Regierung ausgehandelte und von ihr unterzeichnete Abkommen wirklich umgesetzt worden, sähe unsere Stadt heute anders aus und wir stünden nicht diesen Problemen gegenüber.“ Wie üblich blieb auch dieses Abkommen uneingelöst.

Dafür verstärkte sich der Einfluss der bewaffneten Akteure auf die Stadt, Paramilitärs im Verbund mit der Armee auf der einen Seite und Guerilla auf der anderen. Dies nicht zuletzt, weil der Hafen durch die Öffnung gegenüber dem Pazifikraum (China, Japan) an Bedeutung gewann und immer klarer wurde, welche Rohstoffe die Pazifikküste selber barg. Dann aber ging es auch um die Kontrolle der Drogenrouten. Und wo Drogen gehandelt werden, ist auch der Waffenhandel nicht fern. Buenaventura mit den vielarmigen, schwer kontrollierbaren Buchten und dem wichtigen Überseehafen spielt dabei eine Schlüsselrolle.

Die Stadt wurde militarisiert. Auch heute ist in Buenaventura die Präsenz der Sicherheitskräfte unübersehbar. Zu mehr Sicherheit hat dies nicht geführt. Im Gegenteil, die Zahl der Morde hat dramatisch zugenommen. Der Bloque Calima der Paramilitärs setzte sich in der Stadt fest und übernahm immer mehr die Kontrolle über die Stadtviertel und die Zugänge zum Meer. Aber auch die 30. Front der FARC war mit Milizionären in der Stadt präsent und wollte ihren Einfluss nicht preis geben. Armee und Sicherheitskräfte, Paramilitärs und Guerilla machten sich die Kontrolle der Drogenausfuhr – und der Waffeneinfuhr – strittig. Alle bewaffneten Akteure wollten die Stadtviertel und den Zugang zum Meer kontrollieren und Jugendliche rekrutieren. Aufgrund der desolaten sozialen Situation und dem Fehlen jeglicher Perspektive hatte diese Verlockung – wie auch die Versuchung des „leichten Geldes“ durch den Drogenhandel – eine gewisse Macht.

Auch nach der vermeintlichen Demobilisierung des Bloque Calima ist die Präsenz der Paramilitärs weiterhin allgegenwärtig, wenn auch diskreter. „Die Demobilisierung ist blanker Hohn“, wird oft versichert. Die Nähe von Paramilitärs und Sicherheitskräften ist vielfach belegt und im Alltag offensichtlich. Heute üben die Paramilitärs eine soziale, politische und wirtschaftliche Kontrolle aus, die weit über den Drogenhandel hinaus geht. So erheben sie auf die Markstände Steuern. Und die Mordrate ist keineswegs kleiner geworden.

Längst nicht alle, die in diesem schmutzigen Krieg fallen, haben etwas mit den bewaffneten Akteuren oder Drogen zu tun. Besonders schmerzlich zeigte dies das Massaker an 12 Jugendlichen und dem Verschwindenlassen von weiteren zwölf am 19. April 2005. Ein Mann fuhr auf einem Motorrad vor und lud 24 Jugendliche zu einem Fussballspiel ein. Der Gewinnermannschaft wurden 200'000 Pesos in Aussicht gestellt. Zwei Tage später wurden 12 Jugendliche – alle zwischen 15 und 22 Jahre alt – gefesselt, gefoltert, mit Säure verätzt und durch einen Schuss in den Nacken getötet in einer Bucht im Viertel El Triunfo aufgefunden. Von den anderen 12 Jugendlichen fehlte – und fehlt bis heute – jede Spur. Keiner der Jugendlichen hatte etwas mit den bewaffneten Akteuren oder mit Drogen zu tun. Im Gegenteil: Einige der Jugendlichen waren in sozialen Organisationen aktiv und hatten zwei Wochen vorher an einem Protestmarsch des Viertels teilgenommen, wo der Bau einer Fussgängerbrücke gefordert worden war. Vier der ermordeten Jugendlichen waren zudem Neffen eines bekannten sozialen Führers aus dem Fluss Yurumanguí, dessen Familie systematisch bedroht und ermordet wurde. Aufgrund der völligen Straflosigkeit und der Untätigkeit der kolumbianischen Behörden wurde der Fall der Interamerikanischen Menschenrechtskommission unterbreitet und um Schutzmassnahmen nachgesucht.

Das abscheuliche Massaker führte zu einem Aufschrei in der Stadt. Doch seither gehen die selektiven Morde und Massaker weiter. Nach offiziellen Angaben sind zwischen 2000 und 2005 insgesamt 2644 Personen ermordet worden. Allein im Jahr 2006 wurden bis zum 11. November 305 Morde registriert. Wie hoch die Dunkelziffer ist, weiss niemand. (Eine andere Quelle verzeichnet 435 Morde.) Und auch über die Zahl der Verschwundenen schweigen sich alle aus. Sie ist hoch, sehr hoch, aber niemand wagt sie auch nur zu schätzen. „Die Angst hat diese Stadt fest in ihrem Griff. Und die Angst macht, dass alle schweigen.“ Dies sagen viele. „Hier kannst du niemandem trauen. Wie kannst du eine Anzeige bei der Polizei machen, wenn du weisst, dass die Polizei selber den Paras mitteilt, wer die Anzeige eingereicht hat?“ gibt eine Frau zu bedenken. Es wird von entlegenen Buchten geredet, wo Verschwundene an den Bäumen aufgehängt werden, den Geiern zum Frass. Der Zugang zu diesen Orten werde von den Sicherheitskräften verwehrt. Auch seien Buchten bekannt, wo Tote ins Meer geworfen würden.

Einen neuen, bisher unvorstellbaren Höhepunkt erreichte die Gewalt im September 2006, als auf einen Beerdigungszug geschossen wurde. Fünf Personen starben, weitere wurden verletzt. Für die Menschen in Buenaventura war dies ein Schock, von dem sie sich kaum erholen konnten. Der Respekt vor der Trauer und der Solidarität der Familie mit dem Toten ist den Schwarzen heilig. Dies nicht mehr zu respektieren, wird als Angriff der Bewaffneten auf ihre Identität verstanden.

Die Bevölkerung ist dieser Situation schutzlos ausgeliefert. Auch die Presse wird zum Schweigen gebracht. Der Journalist William Soto Cheng wurde ermordet. Andere mussten die Stadt aufgrund der Drohungen verlassen – so wie Tausende von Vertriebenen, die aufgrund der Gewalt die Stadt und deren Umgebung verlassen mussten.

Buenaventura ist heute wohl eine der Städte Kolumbiens – und der Welt – mit der höchsten Gewaltrate, vielleicht vergleichbar mit Medellin Ende der 80er und anfangs der 90er Jahre. Allerdings mit dem grossen Unterschied, dass sich das Drama in Buenaventura unter völligem Ausschluss der Öffentlichkeit abspielt. Es ist kein Thema in der kolumbianischen noch internationalen Presse. Die Angst und das Schweigen halten die Stadt in ihren tödlichen Klauen. Wer dagegen verstösst, lebt gefährlich.


Buenaventura zeigt die Fratze der Globalisierung: Der Kampf um die Kontrolle eines wichtigen Hafens und von Handelsrouten wird auf dem Buckel unbeteiligter Zivilpersonen. Vom Reichtum, der durch diesen Hafen fliesst, bleibt in der Stadt nur die Spur von Elend, Gewalt, mafiöser Strukturen und Korruption.



[i] Der Bericht beruht auf Gesprächen bei meinem Besuch im Oktober 2006 in Buenaventura. Ebenso dienten als Quellen Berichte der Comisión Intercongregacional Justicia y Paz; des Proceso de Comunidades Negras PCN, El Espectador, 10. Sept. 06; El Tiempo, 8. Nov. 06 ; Revista Semana ; Diario Las Américas, 13. Nov. 06; Semanario Virtual de Viva la Ciudadania


Bruno Rütsche
ask Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien
Fachstelle Frieden und Menschenrechte
www.askonline.ch