Thursday, 26 April 2007
Kolumbien: Die Suche nach Massengräbern dauert bereits ein Jahr
Grauenhafte Nachrichten: in Kolumbien wird nach 10'000 bis 31'000 verschwundenen Toten gesucht.
Heute sehe ich mich schlicht gezwungen, mit Dir, mit Ihnen, die grässlichen Nachrichten zu teilen, die mich heute aus meinem vielgeliebten Kolumbien erreicht haben. Leider gemahnen mich gewisse Neuigkeiten schon länger an Gräueltaten, die von den Nazis von Hitler, Mussolini und Franco -- von ähnlichen Verbrechen jüngeren Datums ganz zu schweigen -- verübt worden sind. Jetzt aber gibt es dafür noch handfestere Indizien.
El Tiempo, die grosse, unabhängige kolumbianische Tageszeitung, berichtet in ihrer Ausgabe vom 24.4.07 im Teil "Justicia" ("Recht") über Zehntausende von verschwundenen Toten, nach denen gesucht wird. Abgesehen von dieser traurigen Tatsache ist es ein Skandal, dass offenbar niemand in der classe politique sich um den Schmerz der Hinterbliebenen kümmert, die seit Jahrzehnten, seit Monaten, Wochen nach ihren Lieben suchen, und dass die Verbrecher nicht verfolgt werden.
Hier der Link zum vollständigen Artikel (auf spanisch): http://www.eltiempo.com/justicia/2007-04-24/ARTICULO-WEB-NOTA_INTERIOR-3525023.html
Und so beginnt der Artikel von Luz María Serra, Redaktionsleiterin:
"EL TIEMPO hat sich ins Herz dieser Suche begeben, die vor einem Jahr begonnen hat. Bisher hat man 533 Leichen gefunden, von denen aber bloss 13 aufgrund von DNS-Untersuchungen und 173 aufgrund von Kleidungsstücken haben identifiziert werden können.
"Es sind schreckliche Fakten zutage getreten: Paramilitärs erteilten Kurse im Zerhacken menschlicher Körper; die "Aguilas Negras" ["Schwarze Adler", eine seit der sog. Entwaffnung der Paramilitärs in den Jahren 2005/06 entstandene rechtsradikale Gruppierung, die sich eines Nazivokabulars und offenbar auch Nazi-ähnlicher Methoden bedient] graben die Leichen aus und werfen sie in die Flüsse; die [Angehörigen der] Opfer sind nach wie vor verängstigt und eingeschüchtert.
"Keine Antworten
[Neben diesem Text findet sich auf der oben angegebenen Website eine Foto des Generalprokurators. Sie zeigt von der Erde gebräunte Unterschenkelknochen, die noch in Socken und Frauenschuhen stecken. Es ist offensichtlich, dass die Beine abgeschnitten oder abgesägt wurden. Ich habe keinen Zweifel, dass es sich hier um die Spuren eines Verbrechens handelt.]
"Wem gehören diese Schuhe? Wer war sie? Weshalb hat man sie getötet? Wird sie vielleicht von einer alten Frau gesucht, die sich mit Erinnerungen an eine verlorene Tochter quält? ¿Oder sucht sie vielleicht niemand mehr?
"Dies sind nur einige von vielen möglichen Fragen, die diese Foto von einem Massengrab bei Facatativá (Cundinamarca) aufwirft. Seit den letzten Kriegsjahren sind in Kolumbien 10'000 bis 31'000 Personen spurlos verschwunden (die erste Zahl stammt vom Büro des Generalprokurators, die zweite von der Kolumbianischen JuristInnenkommission [Comisión Colombiana de Juristas]).
"Im ersten Jahr der Suche nach Massengräbern hat das Büro des Generalprokurators 3'710 Hinweise auf mögliche Orte erhalten; allerdings konnten infolge Geld- und Personalmangel nur die wenigsten Stellen untersucht werden: 533 Leichen wurden gefunden. Doch nur 13 von ihnen konnten aufgrund ihrer DNS klar identifiziert werden; weitere 173 wurden vorläufig identifiziert (aufgrund von Kleidungsstücken, Tätowierungen usw.).
"Sie erteilten Unterricht, wie man Menschen zerhackt
"Als wir von EL TIEMPO uns entschlossen, einen Sonderbericht zum Thema Massengräber zu machen, wiederholte sich auf unserer Redaktion immer wieder die gleiche Szene: einer nach der anderen kehrten die ReporterInnen geschockt von ihrer Arbeit zurück.
"Nur wenige Informationsprojekte haben uns im gleichen Mass erschüttert wie dieses; uns fehlen die Worte, darüber zu berichten: wegen der entsetzlichen Methoden, derer sich die Mörder bedient haben; wegen des unstillbaren Schmerzes der Familienangehörigen der Opfer; doch – vielleicht am meisten – wegen des Gefühls, dass dieses Unterfangen unser Land zum jetzigen Zeitpunkt völlig überfordert. Wird es überhaupt möglich sein, eine signifikante Anzahl Leichen zu exhumieren und zu identifizieren und damit wenigstens ihren Angehörigen Gewissheit zu geben? Wird es möglich sein, die nötige Trauerarbeit zu leisten, auf dass Kolumbien nicht in eine dritte Phase extremer Gewalt versinke?
"Die Zeugenaussagen der Paramilitärs und die Funde der gerichtsmedizinischen Teams lassen folgenden Schluss zu: Die Vereinigten Selbtsverteidigungskräfte Kolumbiens [AUC–Autodefensas Unidas de Colombia, die grösste und berüchtigtste Gruppierung von Paramilitärs] entwickelten nicht nur eine Methode zum Zerhacken von Menschen; sie erteilten sogar Unterricht in dieser Methode, wobei sie lebende Menschen als Versuchspersonen missbrauchten, die sie in ihre Trainingscamps verschleppt hatten."
[...]
"Eines der grossen Probleme ist, dass dieses Thema den entscheidenden Nerv des Landes nicht zu treffen scheint. 'Es ist, als wäre nichts geschehen. Wir finden Massengräber, doch das Land scheint nichts dabei zu fühlen,' beklagt sich einer der mit Exhumierungen beauftragten Staatsanwälte. Und María Victoria Uribe, die Anthropologin, die das Land über die mörderischen 1950er-Jahre aufgeklärt hat, fügt bei: 'Die obere Klasse von Bogotá schert sich einen Teufel um 15 Leichen, die man in Sucre gefunden hat.'
"Im früheren Jugoslawien, zum Beispiel, wurde eine DNS-Datenbank eingerichtet, aufgrund derer 10'000 Opfer identifiziert werden konnten. In Kolumbien gibt es zwar ein paar wenige Anstrengungen (so wurde ein Suchplan genehmigt, und Ende 2006 wurde das Team der Staatsanwaltschaft von einem Spezialisten auf drei erhöht, denen zudem acht Anwälte zur Seite gestellt worden sind), doch bisher ist das Vereinheitlichte Verschwundenenregister nicht vollständig, das von Gesetz wegen seit dem Jahre 2000 bestehen sollte, und die Exhumierenden müssen sich zuweilen sogar in den Ausgrabungsstätten wie in Schützengräben gegen bewaffnete Gruppen schützen.
"[...] Das Thema würde es verdienen, [...] in den Entwicklungsplan (Plan de Desarrollo) aufgenommen zu werden. Doch bisher ist nichts dergleichen geschehen.
"[...]"
Mit dem folgenden Abschnitt endet der Artikel:
"Das Büro des Generalprokurators (Fiscalía General) veröffentlicht auf einer Website Fotos von Kleidungsstücken, auf die man bei Knochenfunden in Massengräbern gestossen ist. Der Link zu diesem Museum der Schande ist: http://www.fiscalia.gov.co/justiciapaz/index.htm"
Es ist mir schwer gefallen, diesen Artikel zu lesen und für Dich, für Sie ins Deutsche zu übersetzen. Aber ich bin überzeugt, dass wir das Wissen über diese Verbrechen "sozialisieren" und unsere Stimme dagegen erheben müssen, damit niemand sagen kann, wir hätten es nicht gewusst – das hatten wir ja während und nach dem 2. Weltkrieg schon einmal!
Ich möchte mit diesem Beitrag auch meine Unterstützung und meine Hochachtung für die JournalistInnen und ReporterInnen von El Tiempo ausdrücken. Mein Respekt für sie ist riesig. Ich hoffe, dass sie die Kraft haben, ihre Arbeit weiter zu führen.
Saturday, 27 January 2007
Soziale Bewegungen: Von Frauen, Ziegelsteinen, Schleiern und Stühlen...
Wie an jedem Sonntag ging sie auch am 10. Dezember 2006 aus dem Haus, um an der 7. Strasse in Bogotá die Schaufenster zu bestaunen, die so sorgfältig hergerichtet sind, um glauben zu machen, Haben sei Sein. Sie ging aber auch aus dem Haus, um die Kreativität all der Arbeitslosen und ÜberlebenskünstlerInnen zu geniessen, welche sich über ihr eigenes Elend lustig machen, ZuhörerInnen und Geldstücke anlocken, und um zu versuchen, die Drohung zu vergessen, die sich Jahr für Jahr über ihr und Millionen anderer zusammenbraut: Die Nichterneuerung des Vertrages.
Auch um das dunkle und feuchte Mietzimmer zu vergessen, wo sie, ihren Sohn im Arm, die Nächte schlaflos verbringt im vergeblichen Versuch, die Erinnerungen zu verscheuchen, die sie längst begraben möchte. Dies versucht sie diesen Sonntag in der 7. Strasse, in der ein überbordender Strom von sonntäglichen Passanten anschwillt: Büromenschen, Angestellte, Arbeitslose, Hausfrauen, verliebte Paare, Familien mit ihren Kindern – einige zu Fuss, andere auf dem Fahrrad. Wie sie möchten alle die Sonne und den Weihnachtsschmuck, das Lichtermeer und die verschwendete Energie bewundern und wenigstens für einen Augenblick die täglichen Ängste und Sorgen betäuben.
Ihren Sohn an der Hand geht sie von Norden nach Süden. Plötzlich sticht ihr etwas in die Augen. Weisse Stühle. Schwarze Kleider. Schwarze Schirme. Schwarze Schleier, die von Trauer sprechen. Weisse Kreuze auf schwarzen Schürzen. Weisse Ziegelsteine aufgestellt auf dem Asphalt. Schwarze Buchstaben auf weissen T-Shirts: ¡Nunca Más! – NIE MEHR!
Es ist eine historische Ecke, wo ihre Schritte zum Stillstand kommen. Im Süden liegt der Bolivarplatz. Wie oft haben Männer und Frauen, das Herz voller Hoffnungen, zwischen Fahnen und Schreien geglaubt, dass ihre Träume von Würde, Gerechtigkeit, Freiheit wahr würden? Wie oft haben Männer und Frauen in langen Reihen gebrochenen Herzens diesen Platz Schritt für Schritt durchschritten und ihre Toten verabschiedet? Wie viele Kundgebungen aller Arten und Schattierungen, wie viele Schreie nach Gerechtigkeit, wie viel Hoffnung, Schmerz und Wut hat dieser Platz gesehen?
Im Hintergrund das Casa del Florero (Haus des Blumenstrausses), Zeuge des „Schreis nach Unabhängigkeit“ der Kreolen gegen die Spanier, das im Laufe der Zeit zu einem Zentrum der Folter und des Verschwindenlassens wurde. Gegenüber der Justizpalast, dessen rauchende Ruinen vor 21 Jahren dem Strom von Blut Tür und Tor öffneten, in dem die Träume von Millionen von Männern und Frauen ertränkt wurden, die damals an eine mögliche neue, nahe scheinende Welt glaubten. Sie alle wurden von der sich bedroht fühlenden Macht erbarmungslos angegriffen. In einer Kombination von Verhandlungen, Friedensdiskursen, Verfassunggebender Versammlung, Blut, Tod, Raub, Horror, Vertreibung, Desinformation, Verwirrung, mit Friedenstauben, Reden über den sozialen Rechtsstaat, Terror, Aufsplitterung, Verzweiflung in Weilern und Stadtvierteln des ganzen Landes öffneten sie den Weg der Globalisierung, dem bilateralen Freihandelsabkommen mit den USA (TLC) und den übrigen multinationalen Gesellschaften. Und gleichzeitig versuchten sie jede Form sozialer Organisation wegzufegen.
Fragen, die Mauern aufreissen
Der Grundinstinkt ist vorbei zu gehen, ohne zu schauen. Es sind fast immer Kinder, die fragen: „Was ist das?“, und die Erwachsenen an der Hand zu den Stühlen ziehen. Und es sind meist die Kinder, die – fast immer mit lauter Stimme – die schwarzen Buchstaben auf den weissen Ziegelsteinen lesen. Und meist folgt ihrer Lektüre die Frage: „Warum?“ Auf allen Ziegelsteinen stehen Namen, Daten und Todesformen, die es nicht geben dürfte. „Warum?“, fragt auch sie sich.
Sie geht weiter. Strasse um Strasse. Ziegelsteine und noch mehr Ziegelsteine mit Namen und Daten. „Es sind von der Guerilla ermordete Militärs“, sagt jemand an ihrer Seite. Doch plötzlich liest sie auf einem Ziegelstein: Jaime Pardo Leal, ermordet. Und weiter auf einem anderen: Luz Mary Portela, aus dem Justizpalast verschwunden; auf einem weiteren: Luis Carlos Galán, ermordet. Sie zweifelt. Auf ihrem Gesicht zeigt sich ein Hauch von Bestürzung und im Weitergehen, immer mehr Strassen hinter sich lassend, wächst der Wunsch nachzufragen.
Als sie an die 26. Strasse kommt, entscheidet sie sich. Schwarz und jung ist das Gesicht der Frau, die mit sanfter und klarer Stimme antwortet: „Mein Vater wurde von Paramilitärs verschleppt und ermordet. Mein Bruder wurde gezwungen, in ihren Reihen zu kämpfen und starb durch einen Schuss in einem Gefecht. Meine Mutter starb aus Trauer und Schmerz zwischen schwarzen Plastikplanen in dieser kalten und fremden Stadt. Darum bin ich hier. Denn ich möchte, das dies NIE MEHR jemandem zustösst. Denn ich möchte, dass es NIE MEHR Männer und Frauen gibt, die ermordet, gefoltert, zum Verschwinden gebracht, entführt, vergewaltigt, von ihrem Land vertrieben werden. NIE MEHR sollen würdige Menschen zu Bettlern gemacht werden.“
„Ich möchte, dass sich die Jungen NIE MEHR verstecken müssen, um nicht gezwungen zu werden, zu schiessen statt zu pflanzen, zu töten oder sich töten zu lassen. Darum bin ich hier. Auf diesem Stuhl. Neben diesen Ziegelsteinen, die gewaltsam entrissenes Leben bedeuten. Ich unterdrücke meine Tränen, aber ich kann meine Gedanken nicht aufhalten, die sich wie in einer Mühle drehen, mit meiner Trauer spielen und mich vom Himmel in die Hölle zu stürzen drohen.“
„Hölle, wenn ein gefühlloses Gesicht mich daran erinnert, dass nebst Land und Ressourcen auch der Geist und das Herz Schlachtfelder sind. Dass Nachrichten, Werbeslogans, Fernsehserien zusammen mit Kugeln, Gewehren und Motorsägen Teil des Arsenals sind, das uns unserer selbst berauben und mittels Manipulation und wissenschaftlich ausgearbeiteten Lügen zu verängstigten, unterwürfigen und unsensiblen Komplizen machen soll.“
„Himmel aber, wenn jemand wie Sie ihre Angst überwindet und zu fragen wagt. Himmel, wenn Ihre Augen und die Augen Ihres Sohnes sich mit Tränen füllen, wenn Sie meine, unsere Geschichte hören. Himmel, wenn ich – um ein wenig auszuruhen – den Stuhl verlasse und von meinem Platz aus die unendliche Reihe von Frauen, Stühlen und Ziegelsteinen sehe und davor unzählige gebeugte Köpfe, die die Inschriften auf den Steinen lesen und sich mit Fragen füllen.“
Sie weiss nicht, was sie sagen soll. Das „Danke“, das sie über ihre zitternden Lippen bringt, tönt schüchtern. Mit den Stunden verändert sich die Umgebung. Der Passantenstrom fliesst weiter. Auch am Nachmittag ziehen die Stühle und Ziegelsteine Blicke und Schritte an. Gegen zwei Uhr entscheidet sie sich, heim zu gehen. Aus der Ferne schaut sie zurück. Eine unendliche Reihe von Ziegelsteinen bleibt. Und ihr gegenüber – schweigend – Frauen, Männer, Kinder, Jugendliche und Betagte in Fragen versunken...
Gegen vier Uhr nachmittags kommt sie zum Bolivarplatz. „Wir möchten leben, wir möchten produzieren, wir möchten essen“, sagt eine betagte Indígena, deren Stimme vom Wind weggetragen wird. In ihrer indigenen Sprache ruft sie die Götter an. Sie bittet sie um Kraft und Klugheit, um die tödliche Lawine aufzuhalten, die Land, Frauen und Männer auslöscht. Der Abend legt sich über die Hügel.
Indígenas, Bauern und Bäuerinnen, Frauen und Männer in weissen T-Shirts mit den schwarzen Buchstaben Nunca Más – NIE MEHR, zirkulieren auf dem Bolivarplatz und seiner Umgebung im Kreis. Sie begleiten klatschend den langsamen Rhythmus von Flöten und den Schritt der blossen Füsse an der Schlusszeremonie dieses Tages, der Risse in die Mauer der Straflosigkeit, der Desinformation, der Gleichgültigkeit und der Angst schlagen will.
Inmitten der Frauen und Männer mit den weissen T-Shirts kommen und gehen grün gekleidete Männer und Frauen mit Waffen am Gurt, Funkgerät und Mobiltelefon. Wie viele Namen der Menschen in Weiss werden auf einem Ziegelstein stehen, mit einem Datum, einem Ort und einer Todesart, die es nicht geben dürfte? Diese Frage steigt auf, wenn man das Polizistenpaar beobachtet, das mit seinem Mobiltelefon Fotos von lächelnden Gesichtern und Blicken macht und Lieder aufzeichnet.
Sie sieht sie nicht. „Am nächsten Sonntag schauen wir uns die Weihnachtsbeleuchtung an“, verspricht sie ihrem Sohn, als sie vom Bolivarplatz weggehen. Ihre Finger durchwühlen in der Tasche die Flugblätter, die sie eingesammelt hat und in denen sich vielleicht eine Adresse und der notwendige Mut findet, um jemandem ihre Geschichte zu erzählen. Diese Geschichte, die sie nachts als Albtraum überfällt. Diese Geschichte, die den Sohn zum Halbwaisen und sie zur Flüchtlingsfrau gemacht haben, die ihre Angst in der Menge versteckt.
[aus: Kolumbien-aktuell, No. 444, 24. Januar 2007 -- Übersetzung aus dem kolumbianischen Spanisch: Bruno Rütsche, von mir leicht redigiert]
Wednesday, 24 January 2007
Glencore/Xstrata Kolumbien: Die Gewerkschaft SINTRACARBON ersucht um dringende Unterstützung
Soeben habe ich folgenden Aufruf erhalten:
****
Musterbrief auf spanisch (deutsche Kurzfassung am Schluss, gefolgt von aktualisierter Lagebeschreibung):
AbsenderIn, Ort, 23 de enero de 2007
Señor León Teicher
Carbones del Cerrejón LLC
leon.teicher@cerrejoncoal.com
Estimado señor Teicher
Me dirijo a usted para expresar mi preocupación por la situación de los miembros del Sindicato SINTRACARBON y los trabajadores de la Mina El Cerrejón, asó como de las comunidades afectadas por la mina como lo son los desplazados de Tabaco y Manantial y las comunidades de Tamaquita, Roche, Patilla y Los Remedios.
Conozco de la situación de aislamiento, contaminación y destrucción del territorio de los habitantes de las mencionadas comunidades así como de las dificiles condiciones de trabajo en la mina. He sido informado del avance lento de las negociaciones entre la Comisión negociadora de Carbones del Cerrejón LLC y SINTRACARBON sobre el pliego de peticiones para una nueva convención colectiva.
Me preocupa enormemente que en más de treinta días de negociaciones no se haya llegado a ningún acuerdo sobre el pliego de peticiones presentado por SINTRACARBON. SINTRACARBON me ha informado de la posición bastante cerrada que ha mostrado la empresa durante la negociación y de la falta de voluntad para llegar a acuerdos. Estoy muy consciente de la dificil situación económica de los trabajadores ante el continuo aumento de gastos para salud, educación de los hijos etc., y que la frecuente iliquidez de las familias trabajadoras ha llevado a más de una familia a situaciones emocionales difíciles. Igualmente estoy muy preocupado por la negativa de la empresa de discutir puntos importantes del petitorio como la suerte de los trabajadores contratistas y la solicitud de las comunidades aledañas afectadas por la mina de poder realizar negociaciones colectivas sobre su reubicación integral y recompensas justas.
He sido informado que la semana pasada los afiliados del Sindicato han votado masivamente por la huelga que debería iniciarse de aquí al final del mes de enero de este año. Reconozco la decisión del Sindicato de recurrir a la huelga como mecanismo de presión legal para buscar una solución satisfactoria a su petitorio. Pero a la vez estoy muy preocupado, ya que la huelga puede aumentar los riesgos para los directivos sindicales. Conozco de la crítica situación de seguridad de los líderes sindicales y sociales de la región a raíz de amenazas de muerte proferidos por un grupo paramilitar denominado Las Aguilas Negras. Temo que la huelga pueda empeorar la dificil situación de seguridad de los directivos sindicales.
Por un breve momento parecía que una solución iba a ser posible, ya que el equipo negociador de la empresa había modificado su posición y accedió a abordar el día 22 de enero de 2007 el tema de las comunidades. Sin embargo, de nuevo recibí informaciones según las cuales las negociaciones una vez más no prosperaron ya que su empresa hubiera mostrado un actitud de intransigencia y total falta de voluntad para llegar a acuerdos. Es así que el sindicato SINTRACARBON se retiró de la mesa de negociación y que la huelga parece inevitable.
Sin embargo, le pido a usted y al equipo negociador de Carbones del Cerrejón hacer todo lo posible para llegar a un acuerdo con SINTRACARBON y las Comunidades afectadas por la mina. Respaldo claramente el pliego y la decisión de SINTRACARBON de acudir a la huelga y a las demandas de las Comunidades por negociaciones colectivas y recompensas justas. Además, le pido que haga todo lo posible para garantizar la seguridad de todos los trabajadores, de los líderes sindicales y de las comunidades, y que ante la declaración de la huelga se abstenga de recurrir a medidas de fuerza y de represión.
Confiando en su buena voluntad, mantengo la esperanza de que una solución amistosa sea todavía posible esta semana y que no sea necesario recurrir a la huelga que tendría efectos negativos para todo el mundo.
De su consideración
(Deine/Ihre Unterschrift)
Copias a:
• Señor Andrés Soto, Carbones del Cerrejón LLC, andres.soto@cerrejoncoal.com
• Señor Marc Gonsalves, Fax. +44 20 7968 2810, mgonsalves@xstrata.com
• Señora Claire Divver, cdivver@xstrata.com
• Señora Brigitte Mattenberger, Bahnhofstrasse 2, Postfach 102, 6301 Zug,
Fax: +41 41 726 60 89 bmattenberger@xstrata.com
• SINTRACARBON, jdeluquez@hotmail.com ; flozan1@yahoo.com; jquiroz11@gmail.com
****
Kurzübersetzung des oben stehenden Briefes:
(...)
Ich habe Kenntnis von der schwierigen Situation der Gewerkschaft SINTRACARBON, der Arbeiter der Kohlenmine El Cerrejón und der Bewohner der umliegenden Dörfer. Ich wurde über die Kollektivverhandlungen sehr genau informiert und bin über die erhaltenen Informationen beunruhigt:
Die Verhandlungen verliefen sehr schleppend, und das Unternehmen scheint wenig Interesse gezeigt zu haben, zu einer Einigung zu kommen. So habe sich die Firma geweigert, über gewisse Punkte des Forderungskataloges überhaupt zu verhandeln, so z.B. über die Krankenversicherung der Arbeiter, über die Situation der Temporärarbeiter sowie über das Schicksal der umliegenden afrokolumbianischen und indigenen Gemeinschaften. Diese Weigerung erfüllt mich mit Sorge.
Ebenso wurde ich darüber informiert, dass die Gewerkschaftsmitglieder massiv für den Streik stimmten, nachdem der Verhandlungsrahmen erfolglos ausgeschöpft worden war. Ich anerkenne die Entscheidung der Gewerkschaft, zum legalen Mittel des Streiks zu greifen, bin aber gleichzeitig über die Sicherheitslage der Gewerkschafter und Anwohner besorgt, da schon im Dezember verschiedene Todeslisten zirkulierten. Ebenso habe ich aber erfahren, dass der internationale Druck und der Streikbeschluss Wirkung gezeigt hatte und sich die Firma zum ersten Mal bereit erklärte, über die Anliegen der Gemeinschaften zu verhandeln.
Leider hat auch dieser neue Verhandlungsversuch zu keiner Einigung geführt; die Gewerkschaft denunzierte die Unnachgiebigkeit des Verhandlungsteams der Firma und verliess die Verhandlungen. Trotzdem gelange ich nochmals mit dem Aufruf an Sie, alles in Ihrer Macht stehende zu tun, um eine einvernehmliche Lösung zu ermöglichen und den Streik doch noch abzuwenden.
(...)
***
Aktualisierte Lagebeschreibung (23.1.07)
Die Gesamtarbeitsvertragsverhandlungen bei Carbones del Cerrejón stehen vor dem endgültigen Scheitern, ein Streik scheint unausweichlich
In den vergangenen gut zwei Wochen wurde zwischen der Gewerkschaft SINTRACARBON und der Verhandlungsequipe des Unternehmens Carbones del Cerrejón LLC weiter verhandelt, ohne dass es zu einer Einigung gekommen wäre. Die Gewerkschaft hat angesichts der Unnachgiebigkeit und des mangelnden Verhandlungswillens des Unternehmens versucht, den Druck zu erhöhen.
So kam es am 11. Januar 2007 zu Protesten der Gewerkschaft SINTRACARBON in Riohacha, der Hauptstadt des Departaments Guajira, um gegen den mangelnden Verhandlungswillen der Minengesellschaft zu protestieren. SINTRACARBON wurde dabei vom Gewerkschaftsdachverband CUT Sektion Guajira und Bewohnern der Gemeinschaften der von der Mine betroffenen Dörfer Roche, Patilla, Provincial etc. und den Vertriebenen von Tabaco unterstützt. Auch in Barranquilla und anderen Orten kam es zu Protestaktionen.
Am 12. Januar 2007 führte SINTRACARBON auch eine grosse Pressekonferenz durch, an der sie den Verlauf der Verhandlungen erklärte und ihren Willen bekräftigte, notfalls einen Streik durchzuführen, wenn es nicht noch zu einer umfassenden Einigung komme.
Derweil wurde intensiv weiter verhandelt: Am 11. Januar wurde von SINTRACARBON ein Verhandlungsvorschlag der Firma diskutiert. Die Verhandlungen gingen am Nachmittag weiter, wobei die Gewerkschaft erneut Gegenvorschläge präsentierte. Am 12. Januar nachmittags erwartete die Gewerkschaft eine umfassende Antwort mit Vorschlägen der Firma, die jedoch nicht eintraf.
Obwohl es in gewissen Punkten zu einer Annäherung gekommen war (z.B. über Anzahl und Höhe der Darlehen an die Arbeiter, über Prämien für die Arbeiter etc.), blieben die Unterschiede in anderen Bereichen sehr gross oder weigerte sich das Unternehmen sogar, diese zu diskutieren. Nicht verhandelt wurde beispielsweise über die Gesundheitsversorgung der Arbeiter und über Stipendien für Universitätsstudium der Arbeiterkinder. Ebenso weigerte sich die Firma, über eine Verbesserung des Status der temporären Vertragsarbeiter und über die Situation der Gemeinschaften zu sprechen.
SINTRACARBON hält daran fest, dass diese Gemeinschaften ein Recht auf kollektive Verhandlungen und auf faire Entschädigungen haben.
Da die offizielle Verhandlungsfrist inklusive Verlängerung am 12. Januar endete, ohne dass eine Einigung erzielt worden wäre, führte die Gewerkschaft vom 15. bis 20. Januar 2007 an ihrer Basis eine Abstimmung über den Streik durch. Die grosse Mehrheit der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter stimmten für den Streik. Schliesslich einigten sich Gewerkschaft und Unternehmen, trotz abgelaufener Verhandlungsfrist weiter zu diskutieren. Im Vordergrund stand eine Lösung für einen Zweijahres–GAV anstatt des ursprünglich von SINTRACARBON angestrebten Dreijahresvertrages. Am 17. Januar wurden dazu von beiden Seiten neue Vorschläge unterbreitet, und am 18. Januar wurde intensiv über die folgenden Themen verhandelt: Löhne, Krankenversicherungen, Ausbildungszuschüsse, Transportzuschüsse, temporäre Vertragsarbeiten und Gemeinschaften. Wieder konnte jedoch kein Durchbruch erzielt werden.
Am 19. und 20. Januar gingen die Verhandlungen weiter, während je ein Vertreter der Gewerkschaft und der Gemeinschaften in Bogotá an einem Hearing im Senat zur Bergbauproblematik teilnahmen. Zudem kam es in Bogotá zu einem internationalen Treffen, an dem auch die ILO (Int. Labour Organisation) und Vertreter von Anglo American teilnahmen. Zudem wurde bei den Abstimmungen vom 15. bis zum 20. Januar mit überwältigender Mehrheit beschlossen, einen Streik durchzuführen. 98% der Gewerkschaftsmitglieder entschieden sich für den Streik, 76% der Stimmberechtigen nahmen an der Abstimmung teil. SINTRACARBON hat nun zehn Tage Zeit, um den Streikbeginn auszurufen. In dieser Zeit kann aber noch weiter verhandelt werden.
International haben die Gewerkschaft und die Gemeinschaften grosse Unterstützung aus den USA, Grossbritannien, Kanada und der Schweiz. All dies hat dazu geführt, dass das Unternehmen Carbones del Cerrejón seine Position vorübergehend etwas aufgeweicht hatte und bereit war, am Montag 22. Januar 2007 erstmals das Thema „Gemeinschaften“ zu diskutieren. Eder Arregoces sollte die Gemeinschaften in diesen Verhandlungen vertreten. Für kurze Zeit kam also Hoffnung auf, dass ein Durchbruch in den Verhandlungen doch noch möglich sei.
Am Abend des 22. Januar 2007 verkündete SINTRACARBON jedoch, dass die Firma einmal mehr keine Bereitschaft gezeigt habe, seriös zu verhandeln. SINTRACARBON hat sich daraufhin von der Verhandlung zurück gezogen; der beschlossene Streik scheint unausweichlich.
SINTRACARBON mobilisiert nun nochmals seine internationalen Unterstützungsnetze und versucht, mit verschiedenen Mobilisierungen und Briefaktionen doch noch eine Einigung zu erzielen.
***
Danke herzlich für Deine/Ihre Unterstützung.
Wednesday, 17 January 2007
Zuger Firma unterstützt gnadenlosen Kohleabbau in Kolumbien
Der schweizerische Minenkonzern Xstrata Plc (vorher Glencore AG) besitzt einen Drittel vom kolumbianischen Konzern Carbones del Cerrejón im Departement Guajira, mit 69'000 Hektaren der weltweit grösste Kohlenpott im Tagbau. Der Kohleabbau hat aber seinen Preis: seit Beginn des Abbaus wurden immer wieder ganze Siedlungen von Afrokolumbianern und Indianern geräumt.
Siedlungen werden geräumt
Im August 2001 wurde das Dorf Tabaco gewaltsam geräumt, viele der Betroffenen sind traumatisiert und haben keine oder nur sehr geringe Entschädigungen für ihren gesamten Besitz erhalten. Weiteren Siedlungen droht ein ähnliches Schicksal: Sie müssen in den nächsten ein bis vier Jahren der Mine weichen. Den BewohnerInnen wird schon heute der Zugang zu ihrem Land durch Strassensperren verunmöglicht, die Stromversorgung wird häufig unterbrochen, und Arbeit ist rar. Hinzu kommen gesundheitliche Beschwerden wie Hautausschläge und Atemwegserkrankungen.
Massaker ungeklärt
Immer noch ungeklärt sind die Hintergründe des schweren Massakers an Wayúu–Indianern vom 18. April 2004 in Bahía Portete, bei dem 13 Frauen und Kinder von Paramilitärs brutal ermordet wurden. Es wird geschätzt, dass daraufhin zwischen 1000 und 3000 Wayúu-Indianer nach Venezuela flüchteten. Bahía Portete liegt in unmittelbarer Nähe des Hafens Puerto Bolívar, wo die Kohle verschifft wird, und es bestehen Pläne, in Bahía Portete einen Kohlehafen zu bauen. Verschiedene NGO sehen einen klaren Bezug zwischen dem Massaker und den Hafenplänen.
Zwischen dem 17. und 25. Januar 2007 werden zwei Betroffene aus Kolumbien in der Schweiz Vorträge zum Kohleabbau in der Guajíra halten. Organisiert wird diese Vortragsreihe von der Arbeitsgruppe Schweiz - Kolumbien.
Mehr unter --> http://www.askonline.ch
Monday, 8 January 2007
Buenaventura: Eine vom Schweigen belagerte Stadt
Januar 2007 No. 1/2007
Buenaventura: Eine vom Schweigen belagerte Stadt
Von Bruno Rütsche
Buenaventura ist die wichtigste kolumbianische Hafenstadt am Pazifik. Ein enormer Reichtum fliesst durch den Hafen. Durch die Stadt selbst zieht sich aber eine Spur des Elendes, der Gewalt und der Korruption. Angesichts der Schutzlosigkeit der Bevölkerung gegenüber den Bewaffneten – Paramilitärs, Armee und Guerilla – wagt kaum jemand das Schweigen zu brechen und die unzähligen Verbrechen anzuklagen.
Ein verzweifelter Aufruf...
„Gestern, als ich in der Sonntagsmesse das Evangelium zu lesen begann, bemerkten wir rasche Bewegungen auf der Strasse. Wir schlossen die Türe und hörten Schüsse aus Maschinenpistolen. Einige Schüsse drangen durch die Gitter in die Kirche ein. Wir warfen uns alle zu Boden und krochen zum Pfarrhaus... Etwa eine Stunde später verliessen die Gläubigen das Pfarrhaus und getrauten sich auf die menschenleeren Strassen. Es war ein Gefecht zwischen Guerilla und der Polizei.
Am darauf folgenden Samstag verletzten die Paramilitärs nach der Messe drei Passanten. Zwei davon sollen gestorben sein, der dritte, ein geistig Behinderter mit dem Spitznamen ‚Der Denker’, hat bis jetzt die Operationen überlebt.
Und vor acht Tagen, als die MalerInnen von San Cipriano ein wunderschönes Wandgemälde malten, wobei viele Kinder ihnen zuschauten, wurden auf einer Seite der Kirche zwei Männer getötet, welche seit dem Morgen bewaffnet da waren und zusammen mit anderen tranken... Ich hatte eine halbe Stunde zuvor die Polizei angerufen, doch sie war nicht gekommen.
So ‚feiern’ wir den Advent. Heute gibt es keine Messe, die Kirche bleibt geschlossen, das Pfarreibüro verriegelt, denn man hat uns gewarnt und gesagt, dass diese Nacht das Morden weiter geht.... Alle Strassen des Stadtviertels Lleras sind verlassen und alle Häuser und Läden verschlossen...
Wir werden sehen, wie dies weiter geht. In diesen Vierteln sind beide Gruppen (Paramilitärs und Guerilla) präsent und das Meer hat Ebbe in diesem umstrittenen Gebiet, das sich derart für den Drogenhandel eignet.“ Dies sind die verzweifelten Worte des Priesters Ricardo Londoño, Pfarrer des Viertels Lleras.
...und Todesdrohungen gegen den Bischof
Am 26. Oktober 2006 besuchte Präsident Uribe Buenaventura und nahm dort an einem Sicherheitsrat teil. Der Besuch des Präsidenten begann mit einem Eklat: Er forderte Chipantiza, den Sekretär des Bürgermeisters von Buenaventura auf, den Saal zu verlassen und beschuldigte ihn, versucht zu haben, den Militärkommandanten zu bestechen und zur Rückgabe einer konfiszierten Drogenladung zu bewegen. Chipantiza wurde sofort verhaftet, wenig später aber aufgrund einer fehlenden Anklage aus der Haft entlassen. – Am gleichen Anlass klagte der Bischof von Buenaventura, Monseñor Héctor Epalza, die Korruption der Sicherheitskräfte und ihre Verbindungen mit dem Drogenhandel an. Er sagte damit öffentlich, was alle längst wissen. Wenige Tage später sah er sich aufgrund der Todesdrohungen gezwungen, die Stadt zu verlassen. Erstaunlicherweise führte dies auch in kirchlichen Kreisen zu keinen Protesten. Auch die Bischofskonferenz blieb still und machte sich damit zur schweigenden Komplizin. – Wenn selbst ein Bischof aufgrund einer Aussage flüchten muss, um sein Leben zu retten, was haben dann einfache BürgerInnen zu erwarten, die sich getrauen, Anklagen zu erheben?
Keine Zeit für die Flucht liessen die Mörder Deisi Ruth Calonge, die bei der lokalen Ombudsstelle zuständig für die Rechte der Familien war. Die Frau wurde in ihrem Büro am 11. September 2006 ermordet. Sie hatte sich geweigert, die Freilassung von drei Jugendlichen zu veranlassen, wie es eine bewaffnete Gruppe von ihr gefordert hatte.
Vom Reichtum des Hafens bleibt nichts in der Stadt
Durch den Hafen Buenaventuras fliesst 46% des Aussenhandels. Im Jahr 2005 wurden 11 Mio. Tonnen Güter im Überseehafen verladen. 1'600 Frachter löschten im gleichen Jahr ihre Fracht und wurden mit Exportgütern beladen. Selbst die 3'000 bis 4'000 Hafenarbeiter können kaum von ihrem Lohn leben und die Arbeitsbedingungen sind hart und gefährlich. Seit der Privatisierung des Hafens im Jahr 1994 sind 24 Arbeiter bei Unfällen oder aufgrund eines natürlichen Todes während der Arbeit gestorben und über 60 Arbeiter erlitten bleibende Behinderungen. Es kam in dieser Zeit zu mehr als 350 Arbeitsunfällen. Keine der betroffenen Familien erhielt eine Entschädigung. Am meisten verdienen die Kranführer mit Löhnen zwischen rund 500'000 – 800'000 Pesos (220 – 350 US$) in 14 Tagen, wobei allerdings wieder über 100'000 Pesos Abzüge kommen. Ihnen folgen die Träger mit rund 300'000 – 400'000 Pesos in 14 Tagen, welche mit purer Körperkraft die Fracht ein- und ausladen. Doch viele Arbeiter kommen nicht einmal auf 200'000 Pesos, womit sie unter dem gesetzlich vorgeschriebenen Minimallohn bleiben.
Rund 2'000 Sattelschlepper befahren täglich die Strasse von Buenaventura nach Cali, beladen mit Gütern für den Export oder importierten Waren. Doch von diesem Reichtum ist nichts sichtbar in dieser feuchtheissen Stadt am Pazifik. Die Stadtviertel wuchern ohne jede Planung an den Rändern der Stadt in den Urwald hinein. Armselige Siedlungen, oft ohne fliessendes Wasser, Abwasserentsorgung und Strom. Bei einigen Invasionen haben die Paramilitärs ihre Hände im Spiel. Vor allem wenn es um Gebiete geht, welche an das Meer angrenzen. Rund 500'000 EinwohnerInnen zählt die Stadt nach offiziellen Angaben. Verlässliche Quellen geben zu bedenken, dass rund ein Fünftel der BewohnerInnen bei der Volkszählung gar nicht erfasst wurde. Auf 10'000 EinwohnerInnen kommen zwei Ärzte; ein Fünftel der BewohnerInnen sind Analphabeten und die Lebenserwartung in der Stadt beträgt ganze 51 Jahre.
Rund 60% der arbeitsfähigen Bevölkerung ist arbeitslos. Da ist die Versuchung gross, sich im Drogenhandel etwas zu verdienen. 300'000 Pesos (rund 130 US$) werden für den Transport von chemischen Substanzen angeboten, die zur Herstellung von Kokain benötigt werden. Eine Million Pesos (rund 438 US$) gibt es für den Transport von Kokain auf die im Hafen ankernden Schiffe und 20 Mio. Pesos (rund 8753 US$) für die Fahrt in Schnellbooten nach Mexiko und Guatemala, den wichtigsten Bestimmungsorten des Kokains. „Die Jungen verkaufen ihr Herz für ein paar Pesos an die Drogen. Das Traurigste daran ist, dass sie dabei nicht einmal reich werden. Sie sind nur das Glied in dieser Drogenkette, welches am meisten riskiert – das Leben – und am wenigsten verdient“, klagt eine Mutter, deren Sohn vor einem halben Jahr getötet wurde.[i]
Der Kampf um die Kontrolle der Stadt: Ein Genozid
Nach Aussagen von sozialen Organisationen sind seit 1998 über 4'000 Menschen in Buenaventura ermordet worden. 1998 hatte ein Zivilstreik den Hafen fünf Tage lang lahm gelegt. Der Streik richtete sich gegen die unhaltbare soziale Situation der Stadt und die hohe Verschuldung. Ein mit der Regierung vereinbartes Abkommen sah u.a. die Schaffung von Arbeitsplätzen und Schulen und die Verbesserung der Infrastruktur vor. Bitter vermerkt eine soziale Führungsperson: „Wäre das mit der Regierung ausgehandelte und von ihr unterzeichnete Abkommen wirklich umgesetzt worden, sähe unsere Stadt heute anders aus und wir stünden nicht diesen Problemen gegenüber.“ Wie üblich blieb auch dieses Abkommen uneingelöst.
Dafür verstärkte sich der Einfluss der bewaffneten Akteure auf die Stadt, Paramilitärs im Verbund mit der Armee auf der einen Seite und Guerilla auf der anderen. Dies nicht zuletzt, weil der Hafen durch die Öffnung gegenüber dem Pazifikraum (China, Japan) an Bedeutung gewann und immer klarer wurde, welche Rohstoffe die Pazifikküste selber barg. Dann aber ging es auch um die Kontrolle der Drogenrouten. Und wo Drogen gehandelt werden, ist auch der Waffenhandel nicht fern. Buenaventura mit den vielarmigen, schwer kontrollierbaren Buchten und dem wichtigen Überseehafen spielt dabei eine Schlüsselrolle.
Die Stadt wurde militarisiert. Auch heute ist in Buenaventura die Präsenz der Sicherheitskräfte unübersehbar. Zu mehr Sicherheit hat dies nicht geführt. Im Gegenteil, die Zahl der Morde hat dramatisch zugenommen. Der Bloque Calima der Paramilitärs setzte sich in der Stadt fest und übernahm immer mehr die Kontrolle über die Stadtviertel und die Zugänge zum Meer. Aber auch die 30. Front der FARC war mit Milizionären in der Stadt präsent und wollte ihren Einfluss nicht preis geben. Armee und Sicherheitskräfte, Paramilitärs und Guerilla machten sich die Kontrolle der Drogenausfuhr – und der Waffeneinfuhr – strittig. Alle bewaffneten Akteure wollten die Stadtviertel und den Zugang zum Meer kontrollieren und Jugendliche rekrutieren. Aufgrund der desolaten sozialen Situation und dem Fehlen jeglicher Perspektive hatte diese Verlockung – wie auch die Versuchung des „leichten Geldes“ durch den Drogenhandel – eine gewisse Macht.
Auch nach der vermeintlichen Demobilisierung des Bloque Calima ist die Präsenz der Paramilitärs weiterhin allgegenwärtig, wenn auch diskreter. „Die Demobilisierung ist blanker Hohn“, wird oft versichert. Die Nähe von Paramilitärs und Sicherheitskräften ist vielfach belegt und im Alltag offensichtlich. Heute üben die Paramilitärs eine soziale, politische und wirtschaftliche Kontrolle aus, die weit über den Drogenhandel hinaus geht. So erheben sie auf die Markstände Steuern. Und die Mordrate ist keineswegs kleiner geworden.
Längst nicht alle, die in diesem schmutzigen Krieg fallen, haben etwas mit den bewaffneten Akteuren oder Drogen zu tun. Besonders schmerzlich zeigte dies das Massaker an 12 Jugendlichen und dem Verschwindenlassen von weiteren zwölf am 19. April 2005. Ein Mann fuhr auf einem Motorrad vor und lud 24 Jugendliche zu einem Fussballspiel ein. Der Gewinnermannschaft wurden 200'000 Pesos in Aussicht gestellt. Zwei Tage später wurden 12 Jugendliche – alle zwischen 15 und 22 Jahre alt – gefesselt, gefoltert, mit Säure verätzt und durch einen Schuss in den Nacken getötet in einer Bucht im Viertel El Triunfo aufgefunden. Von den anderen 12 Jugendlichen fehlte – und fehlt bis heute – jede Spur. Keiner der Jugendlichen hatte etwas mit den bewaffneten Akteuren oder mit Drogen zu tun. Im Gegenteil: Einige der Jugendlichen waren in sozialen Organisationen aktiv und hatten zwei Wochen vorher an einem Protestmarsch des Viertels teilgenommen, wo der Bau einer Fussgängerbrücke gefordert worden war. Vier der ermordeten Jugendlichen waren zudem Neffen eines bekannten sozialen Führers aus dem Fluss Yurumanguí, dessen Familie systematisch bedroht und ermordet wurde. Aufgrund der völligen Straflosigkeit und der Untätigkeit der kolumbianischen Behörden wurde der Fall der Interamerikanischen Menschenrechtskommission unterbreitet und um Schutzmassnahmen nachgesucht.
Das abscheuliche Massaker führte zu einem Aufschrei in der Stadt. Doch seither gehen die selektiven Morde und Massaker weiter. Nach offiziellen Angaben sind zwischen 2000 und 2005 insgesamt 2644 Personen ermordet worden. Allein im Jahr 2006 wurden bis zum 11. November 305 Morde registriert. Wie hoch die Dunkelziffer ist, weiss niemand. (Eine andere Quelle verzeichnet 435 Morde.) Und auch über die Zahl der Verschwundenen schweigen sich alle aus. Sie ist hoch, sehr hoch, aber niemand wagt sie auch nur zu schätzen. „Die Angst hat diese Stadt fest in ihrem Griff. Und die Angst macht, dass alle schweigen.“ Dies sagen viele. „Hier kannst du niemandem trauen. Wie kannst du eine Anzeige bei der Polizei machen, wenn du weisst, dass die Polizei selber den Paras mitteilt, wer die Anzeige eingereicht hat?“ gibt eine Frau zu bedenken. Es wird von entlegenen Buchten geredet, wo Verschwundene an den Bäumen aufgehängt werden, den Geiern zum Frass. Der Zugang zu diesen Orten werde von den Sicherheitskräften verwehrt. Auch seien Buchten bekannt, wo Tote ins Meer geworfen würden.
Einen neuen, bisher unvorstellbaren Höhepunkt erreichte die Gewalt im September 2006, als auf einen Beerdigungszug geschossen wurde. Fünf Personen starben, weitere wurden verletzt. Für die Menschen in Buenaventura war dies ein Schock, von dem sie sich kaum erholen konnten. Der Respekt vor der Trauer und der Solidarität der Familie mit dem Toten ist den Schwarzen heilig. Dies nicht mehr zu respektieren, wird als Angriff der Bewaffneten auf ihre Identität verstanden.
Die Bevölkerung ist dieser Situation schutzlos ausgeliefert. Auch die Presse wird zum Schweigen gebracht. Der Journalist William Soto Cheng wurde ermordet. Andere mussten die Stadt aufgrund der Drohungen verlassen – so wie Tausende von Vertriebenen, die aufgrund der Gewalt die Stadt und deren Umgebung verlassen mussten.
Buenaventura ist heute wohl eine der Städte Kolumbiens – und der Welt – mit der höchsten Gewaltrate, vielleicht vergleichbar mit Medellin Ende der 80er und anfangs der 90er Jahre. Allerdings mit dem grossen Unterschied, dass sich das Drama in Buenaventura unter völligem Ausschluss der Öffentlichkeit abspielt. Es ist kein Thema in der kolumbianischen noch internationalen Presse. Die Angst und das Schweigen halten die Stadt in ihren tödlichen Klauen. Wer dagegen verstösst, lebt gefährlich.
Buenaventura zeigt die Fratze der Globalisierung: Der Kampf um die Kontrolle eines wichtigen Hafens und von Handelsrouten wird auf dem Buckel unbeteiligter Zivilpersonen. Vom Reichtum, der durch diesen Hafen fliesst, bleibt in der Stadt nur die Spur von Elend, Gewalt, mafiöser Strukturen und Korruption.
[i] Der Bericht beruht auf Gesprächen bei meinem Besuch im Oktober 2006 in Buenaventura. Ebenso dienten als Quellen Berichte der Comisión Intercongregacional Justicia y Paz; des Proceso de Comunidades Negras PCN, El Espectador, 10. Sept. 06; El Tiempo, 8. Nov. 06 ; Revista Semana ; Diario Las Américas, 13. Nov. 06; Semanario Virtual de Viva la Ciudadania
Fachstelle Frieden und Menschenrechte
www.askonline.ch
Tuesday, 14 November 2006
Wenn Unrecht zur Regel wird... – Bericht aus einem zerrissenen Land
Wenn Unrecht zur Regel wird...
Eindrücke und Bericht aus einem zerrissenen Land
Von Bruno Rütsche [Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien, Link s. nebenstehende Spalte]
Auf meiner Kolumbienreise im Oktober bin ich diesem Phänomen – Unrecht als Regel – auf Schritt und Tritt begegnet. Aber auch das andere Kolumbien habe ich erlebt: Die ungebrochene Kreativität, Spontaneität, die Herzlichkeit und den unbändigen Überlebenswillen von Indigenen, Schwarzen, Bauern, Frauen, Vertriebenen. In gemeinschaftlichen Prozessen setzen sie sich gegen alle Widerstände für ein anderes, ein lebbares Kolumbien ein. Sie sind die Hoffnung in diesem Land, auch wenn sie systematisch totgeschwiegen, verleumdet, verfolgt und gewaltsam zum Schweigen gebracht werden.
Besuch in Cali beim Kulturzentrum El Chontaduro in Aguablanca
Ich reise mit dem Koordinator des schweizerischen Friedensförderungsprogramms Suippcol, Peter Stirnimann. Die Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien ask hat dieses Programm wesentlich mitgestaltet und ist auch in der Trägerschaft vertreten. Das Programm stärkt die zivilge-sellschaftlichen Friedensinitiativen und will Frieden von unten aufbauen.
Wir sind zu den Feierlichkeiten 20 Jahre Kulturzentrum El Chontaduro eingeladen. Das Zent-rum ist heute ein wichtiger kultureller Referenzpunkt im enormen Elendsgürtel mit dem eu-phemistischen Namen Aguablanca – weisses Wasser. Es bietet Aktivitäten für Kinder, Ju-gendliche und Erwachsene an. Es gibt Theater-, Tanz-, Musikgruppen, eine Bibliothek, und jährlich findet eine Kulturwoche statt. Das Zentrum ist Zeichen einer unablässigen, hartnäcki-gen, alltäglichen Kleinarbeit in schier unmöglichen Verhältnissen von Armut und Elend, von verbreiteter Grossstadtanonymität, Unsicherheit und Gewalt. Die Abschlussveranstaltung mit Tanz- und Musikgruppen auf dem nahegelegenen Sportplatz wurde zu einem eindrücklichen und friedlichen Volksfest für Hunderte von Zuschauerinnen und Zuschauer. Eine Oase der Friedfertigkeit, der Mitmenschlichkeit, der Begegnung und der Hoffnung inmitten einer Stadt, die immer mehr in Chaos und Abfall versinkt.
„Reisen Sie unbesorgt, die Armee kontrolliert die Strassen!“
Spruchbänder mit dieser Aufschrift begegnen uns immer wieder auf unserer Fahrt von Cali nach Buenaventura an der Pazifikküste. Und die Präsenz der Armee ist denn auch unüberseh-bar: Auf dem letzten Teilstück vor Buenaventura stehen schwerbewaffnete Soldaten in den Türen oder vor den armseligen Hütten. Sie haben sich – in Verletzung des Humanitären Völ-kerrechtes – einfach bei den Leuten entlang der Strasse einquartiert. Damit werden diese Fa-milien dem Risiko eines Guerillaangriffs ausgesetzt. Ihr Recht, nicht in den Konflikt involviert zu werden, ist für Präsident Uribe Makulatur. Für ihn gibt es in Kolumbien keinen be-waffneten Konflikt, nur Kampf gegen den Terrorismus. – Recht wird verdreht, Unrecht zur Norm.
In Buenaventura führen wir Gespräche mit verschiedenen Basisorganisationen. Vor allem die Frauen berichten von konkreten Menschenrechtsverletzungen, von Morden, Verschwinden-lassen, willkürlichen Verhaftungen und Hausdurchsuchungen, der Kontrolle durch die ver-meintlich demobilisierten Paramilitärs, ihrer Eintreibung von „Steuern“ und ihrer Infiltration bei Polizei und Armee, wie auch der Präsenz von Milizionären der Guerilla. All dies schafft ein Klima von generalisierter Unsicherheit und Angst. Dies inmitten einer fast vollständigen Militarisierung dieser wichtigsten Hafenstadt, durch den ein Grossteil der Exporte – auch von Kokain – und Importe – auch Waffen – fliessen. Einmal mehr bestätigt sich die Binsenwahr-heit, dass nur ein verschwindend kleiner Bruchteil der Verbrechen überhaupt angeklagt und bekannt wird: Wir hören Zeugenaussagen über entlegene Buchten, wo Leichen von Ermordeten ins Meer geworfen werden; über direkte Einschüchterung von ZeugInnen, die Aussage erstatten wollten; über Massaker, die nie an die Öffentlichkeit gelangten. Die Angst ist allge-genwärtig: „Wir haben Angst, das Haus zu verlassen, zu sprechen, uns zu bewegen, uns zu organisieren, Anzeige zu erstatten. Ja nicht einmal mehr grüssen kann man mehr, denn sofort heisst es, du seiest Kollaborateur der einen oder der anderen.“ Schätzungsweise 4000 Men-schen sind seit 1998 in Buenaventura völlig straffrei ermordet worden. Und über die Zahl der Verschwundenen wagt niemand Angaben zu machen. Sie ist hoch, sehr hoch. Jedes Wochen-ende werden rund 10 Morde verübt. Die Gewalt kennt keine Grenzen: Bei einem Beerdi-gungszug wurde auf die Trauernden das Feuer eröffnet. Fünf Personen starben, weitere wur-den verletzt. In der Kosmovision der Schwarzen ist dies ein Sakrileg. Die Totenwache und die Solidarität mit der Trauerfamilie ist heilig. Der Schock über diesen Angriff sitzt tief.
Die Pazifikküste im Würgegriff fremder Interessen
Wir reisen gute fünf Stunden im Boot südwärts der Küste entlang und dann den Naya-Fluss hoch. Doch was wir hier sehen und zu hören bekommen, gilt für die ganze Pazifikküste. Der Druck auf die Bevölkerung und die Region ist enorm: Megaprojekte (hier soll u.a. eine Aqua-pista von Tumaco nach Buenaventura quer durch die Mangrovenwälder gebaut werden); Prä-senz von Armee, Paramilitärs und Guerilla; Verminung von Gebieten; illegaler Holzraubbau; Projekte zum Abbau von Bodenschätzen und zum Anbau von Ölpalmen. Kommt der Kokaan-bau dazu, dann beginnt endgültig der Teufelskreis von Holzschlag, Vergiftung von Böden und Flüssen durch die Chemikalien zur Herstellung von Kokapaste, Kriminalität, Alkohol, Pros-titution, Gewalt, Einzug mafiöser Strukturen, Präsenz bewaffneter Akteure, Spaltung der Ge-meinschaften, Erpressbarkeit, Pestizidbesprühungen und Enteignung des Landes. Vieles davon ist am Naya spürbar: Im Oberlauf wird breit Koka angebaut; kontrolliert wird das Gebiet von der FARC. Auch die ELN-Guerilla ist präsent. Zwischen den beiden Guerillaverbänden kommt es immer wieder zu Gefechten.
In der Karwoche des Jahres 2001 war es am Naya zu einem Massaker gekommen, bei dem nach Aussagen von Bewohnern mindestens 120 Zivilpersonen und eine unbekannte Anzahl von Paramilitärs und Guerilleros starben. Die Armee eilte den in Bedrängnis geratenen Para-militärs mit Schnellbooten zu Hilfe und evakuierte sie – nach einem Scheingefecht – nach Buenaventura.
Ähnlich sieht es am Fluss Tumutumbudó im Gebiet des Oberlaufs des Atrato-Flusses im Dep. Chocó aus. Wir fahren eine gute Stunde im Jeep, dann etwa zwei Stunden in einem Boot flussaufwärts, begleitet von einer Frau des Consejo Comunitario und einer Schwester der So-zialpastorale der Diözese von Quibdó. Die rund 30'000 BewohnerInnen von 56 Gemein-schaften am Oberlauf des Atrato und dessen Nebenflüssen haben sich in der COCOMOPOCA zusammengeschlossen und fordern seit 1998 vergeblich ihren kollektiven Landtitel ein. Die Leute von Porto Moreno, einer Ansammlung einiger enger und armseliger Häuser, haben ihre Vermutungen, weshalb ihnen kein Landtitel zuerkannt wird: „Dieses Gebiet ist reich an Mineralien und Erdöl. Präsident Uribe selber hat gesagt: ‚Auch wenn jedem Forscher nach Bodenschätzen ein Leibwächter zugeteilt werden muss, die Suche und Ausbeutung der Bodenschätze geht weiter!’ Wir sind nur Störfaktor in diesen Plänen. Darum will man uns weg haben!“ Viele Gemeinschaften leiden Hunger. Sie können ihre Pflanzgebiete nicht mehr bestellen, da sie vermint wurden. Ab 18.00 Uhr herrscht „Ausgangssperre“. Die Armee kontrolliert Boote und limitiert den Transport von Lebensmitteln, Medikamenten und Treibstoff. Es gibt Gemeinschaften, die von bewaffneten Akteuren regelrecht eingekesselt sind.
Die Wehrlosigkeit, das Ausgeliefertsein vieler Gemeinschaften der Pazifikküste gegenüber gewalttätigen Akteuren, welche die Rechte der ursprünglichen Bevölkerung mit Füssen treten, schmerzt. Es ist ein ungleiches Kräftemessen, das da stattfindet. Die Gemeinschaften, die Jahrhunderte in Vergessenheit und sich selbst überlassen in diesem schwierigen Umfeld über-leben gelernt haben, sehen sich plötzlich Gewalten und Interessen gegenüber, die für sie neu sind. Sie leben oft isoliert, ohne Kommunikationsmittel, ohne Zugang zu Gesundheitsversor-gung, Schulen und Medien. Werden sie ihre eigenen, angepassten Entwicklungspläne, die sie Lebenspläne nennen, verwirklichen und ihren Lebensraum vor dem tödlichen Zugriff dieser Mächte schützen können?
Der Computer des Paramilitärchefs Rodrigo Tovar Pupo, alias Jorge 40
Am 8. Oktober veröffentlichte die Zeitung El Tiempo einen ausführlichen Artikel über die Auswertungsergebnisse eines im März 2006 konfiszierten Computers. Dieser war einem Kommandanten abgenommen worden, der Jorge 40 unterstand. Der PC enthielt u.a. eine de-taillierte Liste über 558 vom „Frente José Pablo Díaz“ ausgeführte Morde allein im Departe-ment Atlantico. Alle diese Morde waren zwischen 2003 und 2005 verübt worden, also nach der Vereinbarung des vermeintlichen Waffenstillstandes im Dezember 2002. Weitere vielsa-gende Ergebnisse der Datenauswertung des PCs:
- Vom Frente José Pablo hatte man bisher nie gehört; er gehört auch nicht zu den „demo-bilisierten“ Einheiten der AUC.
- Unabhängige Menschenrechtsgruppen hatten nur einen kleinen Bruchteil der Morde der AUC im Dep. Atlantico registriert. So u.a. die Ermordung des Universitätsprofessors Alfredo Correa de Andreis am 17. September 2004, kurz nach seiner Freilassung aus willkürlicher Haft.
- Die Paramilitärs verlangten von öffentlichen Institutionen – Spitälern, Bürgermeister-ämtern, Gesundheitszentren, Schlachthöfen – 10% Abgaben. Insbesondere die Spitäler wurden zur wichtigen Einnahmequelle der paramilitärischen Mordmaschinerie.
- Es werden Drogenexportrouten nach Europa aufgezeigt und hohe Beamte staatlicher Sicherheitsdienste erwähnt, die mit den AUC [Paramilitärs] bei den Drogentransporten zusammen arbeiten. Da taucht ein altbekannter Name wieder auf: Carlos Arturo Ma-rulanda, ehemaliger Botschafter Kolumbiens bei der Europäischen Union und bekannt wegen seiner Verwicklung in die gewaltsame Vertreibung von Bauern der Hacienda Bellacruz.
- Die völlige Parodierung der angeblichen Demobilisierung: Jorge 40 ordnet in einem mail an, gewöhnliche Leute für die Demobilisierung zu rekrutieren und diesen das Marschieren, die Hymne der AUC und die Antworten auf die Fragen der Staatsan-waltschaft einzutrimmen. Von den am 8. März 2006 in Valledupar demobilisierten 2'500 Paramilitärs von Jorge 40 waren über die Hälfte solche in aller Eile rekrutierte „Paramilitärs“.
- Die enge Verbindung der Paramilitärs zu namentlich genannten regionalen Politikern und Kongressabgeordneten.
Die Nachricht zeigte mit aller Deutlichkeit auf, dass die Paramilitärs auch nach dem Waffen-stillstand weiter morden, politische, soziale und wirtschaftliche Kontrolle ausüben, den Dro-genhandel kontrollieren, von staatlichen Institutionen Abgaben einfordern. Die Demobilisie-rung ist eine Farce.
Hier hätte ein Aufschrei durch das Land gehen müssen. Doch nichts dergleichen geschah. Die Nachricht wird als eine mehr zur Kenntnis genommen – niemand glaubt wirklich an diesen Demobilisierungsprozess. Wo immer wir die Frage nach der Demobilisierung stellen, die Antwort ist immer die gleiche: Ein müdes Lächeln und die Gegenfrage: „Welche Demobili-sierung?“ Die Enthüllung der Auswertung des PCs bestätigt einmal mehr, was längst bekannt ist. Und alle sind sich bewusst: Das ist bloss die Spitze des Eisberges. Der PC enthielt nur die Daten des vergleichsweise kleinen Departements Atlantico, nicht aber der ebenfalls von Jorge 40 dominierten Departements César, Magdalena, Sucre und Guajira. – Die Abnormität als Normalität.
Zehn Tage später fand auf Verlangen der linken Sammelpartei Polo [democrático] eine Kon-gressdebatte über den Friedensprozess mit den AUC und die Verwicklung von Politikern mit dem Paramilitarismus statt. Die Debatte wurde live auf dem TV Canal institucional übertra-gen. Zufälligerweise [!?!] fiel genau zu dieser Zeit die TV-Übertragung in den Departementen Sucre und Córdoba – Hochburgen des Paramilitarismus – aus.
Droht dem Polo das gleiche Schicksal wie der UP [Unión patriótica]?
Am 4. Oktober 06 wird der Student Andrés Julian Hurtado vor seiner Wohnung in Cali mit Schüssen in den Kopf getötet. Die Mörder fliehen in einem bereitstehenden Taxi. Andrés hatte sich im Polo engagiert. Er hatte sich für die Aufklärung der Übergriffe der Polizei gegen Studenten der Uni-Valle eingesetzt und war im Jahr 2004 einer der Mitorganisatoren des indi-genen Marsches nach Cali gewesen. Droht dem Polo das gleiche Schicksal wie der Union Patriotica UP, die über 4000 Mitglieder durch Mord verloren hat? Wir stellten die Frage Ver-treterInnen des Polo. Die Antwort war meist ein erstaunter Blick, ein längeres Schweigen. Und dann werden Argumente gesucht, heute sei die Situation anders, dies könne nicht mehr geschehen. Doch die vorgebrachten Argumente überzeugen nicht. Zumal die Realität eine andere Sprache spricht, denn Andrés ist nicht das einzige Opfer des Polos.
Wer garantiert dem Polo Sicherheit? Wer verzeichnet die Übergriffe gegen die freie politische Aktivität in dieser „ältesten Demokratie Lateinamerikas“? Wer verfolgt kritisch die Vorgänge rund um die Wahlen? So hörten wir u.a., dass mindestens 1 Mio. Stimmen für Uribe unrecht-mässig zustande kamen. Wo hat man dies in Europa gehört, wo die Legitimität Uribes mit 62% Stimmenanteil unbestritten ist?
Eine Autobombe lässt Hoffnungen platzen...
Es ist Donnerstagmorgen, der 19. Oktober. Wir sind am Treffen mit den Partnern im schweizerischen Friedensförderungsprogramm Suippcol in einem Tagungszentrum im Norden Bogotás mit wunderbarem Blick auf das riesige Häusermeer. Um 8.45 Uhr hören wir eine Explosion, halten einen Moment inne und führen unsere Arbeit weiter. Thema: „Was verste-hen wir unter Frieden? Welchen Friedensansatz vertreten wir? Was sind unsere Friedensvor-schläge?“ Am Mittag erfahren wir, dass eine Autobombe auf dem Gelände der Militärakade-mie explodierte. 23 Menschen wurden verletzt, einige davon schwer. Am nächsten Morgen wird klar, dass diese Bombe alle Hoffnungen auf einen humanitären Austausch von Entführten in der Hand der FARC gegen inhaftierte Guerilleros und einen möglichen Friedensprozess mit der FARC in Schutt und Asche begraben hat. Ein wutentbrannter Präsident – unter einem improvisierten Zeltdach am Tatort selber – verkündet den „Krieg gegen die Terroristen bis zum Sieg!“ Die von Radio und TV live übertragene Rede lässt mich erschauern. Hier spricht ein Präsident, der bereit ist, sein Land und seine Bevölkerung in den Abgrund zu führen, der jegliche Sensibilität verloren hat. Er kündigt die militärische Befreiung der Entführten an, entzieht den befreundeten Ländern und allen Beauftragten die Autorisierung zu Gesprächen und Kontakten mit der FARC (darunter auch der aktiv vermittelnden Schweiz) und fordert demgegenüber die internationale Gemeinschaft auf, Kolumbien militärisch zu unterstützen. Die FARC-Kommandanten beschuldigt er, sich in Ecuador und Venezuela versteckt zu halten. Damit steht dem Land Krieg, Krieg und nochmals Krieg bevor.
Fragen über die tatsächliche Urheberschaft des Attentats sind angebracht. Welches Interesse kann die FARC an diesem Anschlag haben? Kann ein vermeintlich abgehörtes Telefongespräch zwischen einem FARC-Milizionär und dem Kommandanten Mono Jojoy als einziger Beweis ausreichen? Wie kommt es, dass in einem derart abgesicherten Sperrbezirk der Armee eine Autobombe platziert werden und der Fahrer unbemerkt verschwinden kann? Hat der flüchtige Chef der Paramilitärs, Vicente Castaño, oder haben Drogenhändler ihre Hand im Spiel, die ihre Auslieferung an die USA befürchten? Handelt es sich wieder um einen von der Armee selbst initiierten Anschlag? Vor den Präsidentschaftswahlen hatte die Armee selber Attentate von gefangenen Guerilleros ausführen lassen, um so positive Ergebnisse in der Terrorbekämpfung vorweisen zu können. Alles ist möglich – und Lügen sind das Normale.
Ein Land in der Amnesie – Desinformation als Normalität
Auf meinen Reisen gehören die Nachrichten in Fernsehen und Radio wenn immer möglich zum Pflichtprogramm. Doch der Mix, der da als Nachrichten präsentiert wird, ist schlicht un-erträglich, unverdaulich. Meldungen aus Politik, Sport, Showbusiness, Internationales, Natio-nales, Wirtschaft, Werbung – alles reiht sich völlig unzusammenhängend aneinander. Dieser Brei deckt einen zu, lässt einen verwirrt zurück. Bei der Presse gibt es einzelne löbliche Aus-nahmen, insbesondere in den Wochenzeitschriften wie Semana. Doch es wird klar: Ohne di-rekten Kontakt zu Leuten in den betroffenen Regionen kann man sich kein Bild der Realität machen, zumal grosse Teile des Landes gar nicht zu existieren scheinen, es sei denn, es gäbe eine Katastrophenmeldung oder Nachrichten über Erfolge der Armee im Kampf gegen die „Terroristen“.
Der TV Canal Institucional überträgt live die Parlamentsdebatten und auch die Gemein-schaftsräte des Präsidenten. Ich verfolge über gut zwei Stunden den in Puerto Asís im Dep. Putumayo am 7. Oktober abgehaltenen Gemeinschaftsrat. Eindrücklich, wie da Präsident Uri-be wie ein Übervater anordnet, Befehle erteilt, mit Zahlen um sich wirft, hemdsärmlig, präsent. Die Manipulation wird spätestens dann klar, als ein Bauer aufsteht und die Pestizidbe-sprühungen der Kokafelder hinterfragen will. Schon nach einem halben Satz unterbricht ihn Uribe schroff und erklärt mit abgewandtem, zornigem Blick: „Die Ausrottung der Koka ist nicht verhandelbar!“ Sofort erteilt er einem anderen Sprecher das Wort, das Thema wird ge-wechselt und nicht mehr angeschnitten. Die Bevölkerung des Putumayo muss weiterhin im giftigen Sprühregen der international pilotierten Drogenbekämpfungsflugzeuge ausharren – auch wenn alle wissen, dass die Kokaanbaufläche trotz aller Besprühungen landesweit wieder zugenommen hat.
Aufschlussreich auch eine andere Intervention. Ein Vertreter beklagt sich, dass ein durch den Plan Colombia finanziertes Unternehmen nicht im Dienste der Gemeinschaft, sondern von Korrupten und Bewaffneten stehe. Wortwörtliche Antwort des Präsidenten: „Uns interessiert nicht, wer das Unternehmen leitet. Uns interessiert nur, ob es effizient ist!“ – Das Unrecht als Recht.
Und trotz allem – Hoffnung lebt, und wie überall kommt sie von unten!
Inmitten dieser Situation, wo Unrecht die Regel ist, begegne ich Menschen, die sich engagieren, die ihre Würde einfordern, sich nicht unterkriegen lassen, die ihren Verstand brauchen, sich Fragen stellen. Menschen, deren Sensibilität, Herzlichkeit, Wärme, Beharrungsvermögen und Lebensfreude mich immer wieder tief berühren, erstaunen. Es ist diese unerklärliche Kraft, die einen beflügelt, die so wichtig ist, wenn man wieder weit weg in der sicheren Schweiz vor seinem PC sitzt, Protestschreiben aufsetzt, Berichte liest, Telefone führt, lobbyiert und mit seinen bescheidenen Kräften etwas zu bewegen versucht.
Zwei Beispiele von Begegnungen sollen hier stellvertretend für viele stehen:
Sitzung mit dem Nationalen Friedensrat der Indígenas Kolumbiens CONIP. Wir werten den Besuch der Internationalen Überprüfungskommission aus, welche Ende September in fünf Regionen Kolumbiens die Lage der Indígenas untersuchte. Ausgangspunkt war der vor zwei Jahren erstellte Bericht des UNO-Sonderberichterstatters für Indigene Völker, Stavenhagen. An der Kommission nahm im Auftrag der NZZ der Journalist Oswald Iten teil. Er besuchte die Regionen Arauca und Guaviare (siehe auch seine Berichte in der NZZ vom 16. und 21. Oktober 06).
An der Auswertungssitzung fällt auf, wie ruhig, sachlich und engagiert die einzelnen Vertreter und Vertreterinnen berichten. Sie hören einander aufmerksam zu, gehen aufeinander ein, er-gänzen sich gegenseitig. Man spürt, wie ihnen diese internationale Präsenz Mut und Hoffnung gemacht hat. Und der Mut wurde zur Tat: Im Cauca räumten die Indígenas die Sandsäcke einfach weg, hinter denen sich die Polizei in den Dörfern Toribío und Jambaló verschanzte. „Die Polizei missbraucht uns als menschliches Schutzschild“, erklärten die Indígenas. Das Verfassungsgericht hatte vergeblich die Räumung verlangt.
Der CONIP ist sich aber bewusst, dass es jetzt an ihm liegt, mit den Kommissionsteilnehmen-den in Kontakt zu bleiben und die anstehenden Aufgaben anzugehen.
In all den Gesprächen mit den Indígenas erstaunt immer wieder ihr geschichtliches Bewusst-sein und ihre Weitsicht. Und noch etwas fiel mir auf – so auch an dieser Sitzung, wo von viel Leid die Rede war: Die Indígenas haben Humor. Wir haben auch viel gelacht, auch über uns selber. Und das tut gut!
Das zweite Beispiel betrifft ein Gespräch mit einem Vertreter der Bauernvereinigung des Ca-rare-Flusses ATCC im Magdalena Medio. Ich wusste, dass anfangs der 90er Jahre die Journa-listin Silvia Duzán und drei Führungsleute der ATCC von Paramilitärs ermordet worden wa-ren. Die ATCC war kurz zuvor mit dem Alternativen Friedensnobelpreis ausgezeichnet wor-den. Nach diesen Morden hörte ich nichts mehr von der ATCC. An einem Treffen mit Suipp-col Partnern nahm auch ein Vertreter der ATCC teil. Ich war gespannt zu hören, was aus die-sem Prozess nach den Morden geworden war. Und je länger ich mit Donaldo, dem Vertreter von ATCC sprach, umso mehr kam ich aus dem Staunen und der Bewunderung nicht mehr heraus. Die ATCC hat sich kontinuierlich weiter entwickelt, sich ein fundiertes Wissen und eine Praxis in Konfliktmediation angeeignet und es verstanden, inmitten des hart geführten Krieges im Magdalena Medio ihre Unabhängigkeit und Autonomie zu wahren. Dies war nur möglich, weil gemeinsam klare und transparente Handlungskriterien erarbeitet und gelebt wurden. Aber nicht nur was Donaldo erzählte, berührte mich, sondern auch wie er es erzählte: Ruhig, bestimmt, bescheiden.
Donaldos Worte spiegeln die Kraft, die aus der Erfahrung, der gemeinsamen Reflexion, aus den Prozessen an der Basis kommt. Auf ihnen beruht die alleinige Hoffnung auf ein lebbares Kolumbien für alle, wo die Rechte der einfachen Leute nicht mehr mit Füssen getreten werden und das Land nicht als verkäufliche Ware betrachtet wird – wo Unrecht nicht mehr Recht ist.
